Lernen am Hügel

Home-Schooling durch schlechtes Netz oft erschwert

Web
11.08.2020 10:59

Mangelnde WLAN- und Mobilfunkabdeckung sowie hohe Kosten erschweren in Zeiten der Corona-Pandemie in vielen Ländern das Lernen per Home-Schooling. Leidtragende sind vor allem Kinder ärmerer Familien. Ihnen droht ein „Lernverlust“, warnt eine Studie.

Mit Masken und Plastikvisieren kauern Aldina und drei ihrer Freundinnen in Bogor in der Nähe der indonesischen Hauptstadt Jakarta über Schulbüchern. Die Mädchen sitzen unter freiem Himmel im Schneidersitz an einem Fluss. In der Mitte liegt ein einzelnes Smartphone. Die Abdeckung mit WLAN und Mobilfunk ist in vielen Häusern der dicht besiedelten Gegend zu schwach, um das Online-Material für den Unterricht zu Hause zu sichten. Wegen Corona sind auch im weltgrößten Inselstaat seit Monaten die Schulen geschlossen. Indonesien ist schwer von der Pandemie betroffen. Es ist weiter unklar, wann der Betrieb wiederaufgenommen wird.

Home-Schooling ist selbst in größeren Städten wie Bogor auf der Hauptinsel Java kompliziert. Um Empfang zu haben, müssen die Kinder manchmal lange nach einem geeigneten Ort suchen. Tablets haben die wenigsten. Das Smartphone muss reichen, manchmal ein einziges für vier Kinder. Auf der Insel Sumatra ist es noch schlimmer. Dort müssen Schüler vielerorts kilometerweit laufen oder auf Hügel steigen, um ein Signal zu bekommen. „Für uns ist es wirklich nicht leicht, online zu lernen“, sagt die achtjährige Aldina. Und der schlechte Empfang sei nicht das einzige Problem, erzählt ihre Mutter Nur Aida. „Das Prepaid-Handy ständig aufzuladen ist auch eine große Belastung für uns. Dafür haben wir nicht immer Geld.“ Häufig müssen die Eltern die Hauptlast des Home-Schoolings tragen. 

Besser schlecht als gar nicht lernen
Kürzlich berichteten Medien über einen 42-Jährigen, der in West-Java beim Diebstahl eines Mobiltelefons erwischt wurde. Seine Verteidigung: Er habe sich gezwungen gesehen, das Gerät zu stehlen, um die Ausbildung seines Kindes zu sichern. 
Bildungsminister Nadiem Makarim betont, er sei sich der Schwierigkeiten bewusst. „Die Situation ist eine Herausforderung für uns alle, und ich habe Mitgefühl - sowohl für die Eltern als auch für die Schüler, die sich abrupt an dieses unterschiedliche Lernformat anpassen mussten.“ Es gebe aber nur zwei Möglichkeiten - „unter schlechten Bedingungen zu lernen oder überhaupt nicht“.

Kindern droht „Lernverlust“
Betroffen sind Studien zufolge etwa 60 Millionen Kinder und Jugendliche, die sich auf zahlreiche Inseln verteilen. 
„Wenn die Probleme bis zur Wiedereröffnung der Schulen weiterbestehen, ist es sehr wahrscheinlich, dass Schüler unter weniger günstigen Umständen einen Lernverlust erleiden“, so eine Studie des renommierten Smeru-Forschungsinstituts in Jakarta. „Die Ungleichheit zwischen Schülern mit unterschiedlichem sozioökonomischen Hintergrund wird ebenfalls noch größer werden.“

Nur etwa 65 Prozent der 265 Millionen Menschen im bevölkerungsreichsten Land Südostasiens haben offiziellen Angaben zufolge überhaupt Zugang zum Internet. Allerdings hat sich die Situation dank der Einfuhr erschwinglicher chinesischer Smartphone-Modelle und günstigerer Datentarife verbessert. Internet per Glasfaser ist aber immer noch die Ausnahme. Auf dem Land müssen Lehrer bis zu 30 Kilometer weit reisen, um ihren Schülern persönlich den Unterrichtsstoff und die Hausaufgaben zu überbringen. E-Learning ist hier noch eine Zukunftsvision.

Handys für die meisten Menschen unerschwinglich
In anderen Ländern schaut es oftmals nicht besser aus. 
Fast 2,5 Milliarden Menschen leben in Ländern, in denen ein Handy mindestens ein Viertel eines Monats- oder teils sogar Jahreseinkommens kostet, rechnete die von Web-Erfinder Tim Berners-Lee ins Leben gerufene Allianz für bezahlbares Internet kürzlich vor. Auch Datenpakete könnten sich viele Menschen nicht leisten. In der Coronaviruspandemie habe sich gezeigt, dass Menschen wichtige Gesundheitsinformationen verpassten, weil sie keinen Zugang zum Internet hatten. Ein Smartphone sei daher kein Luxus, sondern ein lebenswichtiges Versorgungsinstrument, plädiert die Allianz für günstigere Geräte.

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