Interview & Album

Buntspecht: Vom Ziel, sich nie wirklich zu finden

Musik
14.06.2021 08:00

Von Mainstream-Eingängigkeit sind die Wiener Buntspecht weit entfernt, doch vielleicht ist gerade das das Geheimnis ihres steigenden Erfolgs. Ihr neuestes Album „Spring bevor du fällst“ überrascht mit neuen Soundspielereien, ohne den Anker zu lichten. Lukas Klein und Florentin Scheicher gaben uns im Interview genauere Einblicke.

Ein bisschen überraschend kam die hohe Platzierung dann doch. Mit ihrem Zweitwerk „Draußen im Kopf“ erreichten die Wiener Stilverweigerer Buntspecht vor fast exakt zwei Jahren Platz zehn in den österreichischen Albumcharts. Mit einem Album, das weder mit Schlager, noch mit Hip-Hop oder formatradiotauglichem Bubblegum-Pop zu tun hatte, wie es in derartigen Sphären sonst so üblich ist. Der hervorstechende Gypsy-Sound, vermischt mit Bossa Nova, Klezmer und einer schrägen Hit-Tauglichkeit („Unter den Masken“) traf klanglich und textlich einen Nerv. „Bei den Touren in Deutschland haben wir schon gespürt, dass etwas los war“, erzählt Florentin Scheicher der „Krone“ im Gespräch, „wir denken aber weniger daran, dass ein Album voll abgeht, sondern freuen uns darüber, dass es gut angenommen wird. ,Draußen im Kopf‘ hat uns eine gute Möglichkeit verschafft, die Fangemeinde zu erweitern und viel live zu spielen.“

Corona sei Dank
Im Sog dieses Überraschungserfolgs hatten die Wiener für 2020 so manch Großes geplant, aus dem dann freilich nichts wurde. Sänger Lukas Klein spürte den Schmerz der verpassten Möglichkeiten erst spät. „Ich würde sagen im letzten halben Jahr. Ich habe mich rückwirkend damit identifiziert, wie viele schöne Konzerte wir 2020 planten und so ganz privat hätte ich auch meine in Berlin lebende Freundin gerne öfter gesehen.“ Doch wo Leid, da auch Freude und die Buntspechte haben die freie Zeit zur Arbeit am neuen Album „Spring bevor du fällst“ genützt. Was schon im Jänner 2020 in der Band-Gartenhütte in Hütteldorf begann, nahm dann erzwungenermaßen schneller Formen an. „Die Parallele zwischen dem Album und Corona lässt sich insofern ziehen, als dass wir ohne die Pandemie nicht die Zeit und die Energie gehabt hätten, es so schnell fertigzustellen.“

In der angesprochenen Gartenhütte fertigten die audiovisuellen Kreativbastler ganz analog an den Songs. Zurückgezogen wie zu den Frühtagen der Band, im besten Falle ohne Internet, dafür mit viel Freizeitberieselung durch alte österreichische Serien auf verstaubten DVDs. „Wir hatten zudem wahnsinnig viel Zeit um zu Blödeln“, lacht Klein, „Flo hat an einem Abend seine Kärntner Wurzeln in den Vordergrund gekehrt und wir haben beschlossen, rein aus dem Spaß heraus Austropop zu machen. Wir wollten ein Kärntner Freestyle-Album kreieren, so richtig peinlich.“ Angst vor einer brutalen Stiländerung brauchen Buntspecht-Fans freilich nicht zu haben, denn das Promille-Experiment wird sich eher nicht den Weg in die Öffentlichkeit bahnen.

Stets im Dazwischen
„Spring bevor du fällst“ ist einerseits eine logische Fortführung, andererseits aber auch eine bewusste Abkehr vom Erfolgsrezept der letzten Jahre. „Den Gypsy-Sound von ,Draußen im Kopf‘ wollten wir nicht mehr reproduzieren, das wäre zu langweilig gewesen. Wir haben uns jetzt, zum dritten Album, erstmals bewusst dazu entschieden, alles selbst zu produzieren und verstärkt mit Klavier- oder Synthie-Sounds zu experimentieren.“ Scheicher ergänzt: „Man kann nicht sagen, dass Buntspecht eine Indie-Rock- oder eine Folk-Band wäre. Es gibt Bands wie Element Of Crime, die humorig selbst von sich behaupten, aus drei Songs zu bestehen und dann gibt es solche wie King Gizzard & The Lizard Wizard, die pro Album einen eigenen Stil haben.“ Buntspecht kann man genau irgendwo dazwischen verordnen und zwischen den Stühlen saß das Sextett schon immer am besten.

„Spring bevor du fällst“ wirkt in seiner Gesamtheit etwas zugänglicher, ohne simpel zu wirken. Klein verpackt seine Gedanken einmal mehr in metaphernreiche, poetische Songtexte, deren Fiktionalität sich zwischen den Zeilen mit den Problemen der Gegenwart verbinden lassen und die sich einer sehr bildhaften Sprache bedienen. Die Vorgangsweise dafür ist sehr divers. Für „Die Badende“ wurde eine Kurzgeschichte zur Lyrik, „Die Göttin des Übergangs“ ist ein bereits im Vorfeld fertiggestelltes Gedicht, das man als Band in ein betörendes Klangkorsett packte. „Ich mag es einfach, die Mystik in Texten zu entfachen. Es ist lustig, sich selbst seine Fratzen, Gesichter, Göttinnen und Götter zu erschaffen.“ Der visuelle Zugang ist ein wichtiger Teil dessen, dass Buntspecht einen derart unikalen Status in der einheimischen Musikwelt haben.

Kein Platz für Gemütlichkeit
Wie gewohnt versteht sich die Band nicht als reine Songlieferanten, sondern hat ihre kreativen Hände auch auf den Artworks, Detailfragen und Videos, die wieder einmal bewusst eigenständig ausgefallen sind. Für „Paradies“ wandeln die einzigen Musiker etwa durch Containerwelten oder das Innere eines Fernsehers in „Benütz mich“ wird Sänger Klein in sanften Schritten zur bildlichen Selbstauflösung getrieben. „Es geht immer darum, es für uns spannend zu gestalten und es uns nicht zu gemütlich zu machen. Das Letzte was wir machen wollen, wäre Lukas mit einer Akustikgitarre durch die Straßenbahn gehen zu lassen und das zu filmen“, lacht Scheicher, „das haben schon Hunderte vor uns gemacht und teilweise auch verdammt gut. So etwas interessiert uns überhaupt nicht, wir müssen uns schon selbst überraschen.“

Bei Buntspecht geht es immer um das große Ganze und nie nur um den Zeitgeist. „Paradies“ etwa dreht sich darum, dass man bewusst die harsche Realität ausklammert, um sich in seinem eigenen Kokon besser zu fühlen. Die „Göttin des Übergangs“ spielt lyrisch mit den Farben der Gegenwart. Wohin gehen wir politisch und klimatechnisch? Auf detaillierte Erklärungen haben Buntspecht aber keine Lust. „Ich will damit nicht die Magie der Songs kaputtmachen“, erläutert Klein, „es ist meist besser, die Geheimnisse nicht zu lüften, damit sich jeder seine eigene Fantasie dazu spinnen kann.“ Als kleinster gemeinsamer Nenner dienen wiederkehrende Frauenfiguren und eine gewisse Aufbruchstimmung. „Man kann schon gut herauslesen, wo sich die Welt gerade befindet und deshalb ist viel Wut vorhanden. Aber nicht in Form von Aggression, so weit würde ich nicht gehen.“

Nicht ankommen wollen
Den Albumtitel kann man, wie so gut wie alles bei Buntspecht, mannigfaltig interpretieren. Doch der Ursprung hat einen ziemlich banalen Hintergrund. „Ich bin sehr schlecht darin Sprichworte richtig zu sagen und mache es mir seit Jahren zur Aufgabe, sie bewusst falsch zu formulieren“, so Scheicher, „wir haben in der Gartenhütte ein Sprichwort-Spiel gespielt und da kam ,Spring bevor du fällst‘ raus, das es so natürlich nicht gibt - auch wenn ich darauf beharrt habe.“ Im Buntspecht-Kosmos ist alles frei, schwebend, variabel und spannend. Diese gesunde und neugierig machende Grundhaltung der Musik gegenüber hat man sich trotz aller klanglichen Veränderungen und Erweiterungen beibehalten. Die Wiener wollen und werden sich so bald nicht finden - gut so! 

Live in Österreich
Buntspecht sind morgen, 15. Juni, live im Wiener Konzerthaus zu sehen. Im Herbst sind, so die pandemische Lage es ermöglicht, dann mehrere Auftritte in Österreich geplant. Am 3. November im St. Pöltner Cinema Paradiso, am 4. November im Dom im Berg in Graz, am 24. November im Salzburger Rockhouse, am 26. November im Spielboden in Dornbirn, am 27. November in der Kellerei Reutte und abschließend am 20. Dezember in der Wiener Arena. Infos und Karten gibt es u.a. unter www.oeticket.com.

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