Debütalbum „Krach“

Leftovers: Hymnen für eine verlorene Generation

Wien
06.11.2022 09:00

Von der Gesellschaft im Stich gelassen und ohne Zukunftsperspektiven - solch dramatische Lebenslagen waren schon immer ein guter Untergrund für musikalische Revolutionen und Umstürze. Das junge Wiener Quartett Leftovers liefert auf „Krach“ eine gitarrenverzerrte Zustandsbeschreibung einer verlorenen Generation in einem Wohlfahrtsstaat und ist auf der Suche nach Liebe, Akzeptanz und dem Sinn im Leben.

Was tun in einer Welt, die jungen Menschen gegenüber gleichgültig gegenüberzustehen scheint? Am besten ordentlich krachmachen und die Sau rauslassen, denn was bleibt einem schon sonst auf einem Planeten der Kriege, Krisen und chaotischen Zustände. So sehen vier junge Wienerinnen namens Leftovers die Lage ihrer Welt und gießen die Sorgen und Nöte einer in vielen Zirkeln vergessenen Generation in ihre ungefilterten Songs. Sehr viel Grunge, eine kräftige Portion Nihilismus, Teenage Angst, Wurstigkeit, Punk und Anarchie. Aber auch viel Gefühl, Melancholie, Melodieseligkeit und die Suche nach Verständnis und Akzeptanz. Das Aufbegehren gegen die Altvorderen nennt sich „Krach“ und ist alles andere als ein plakatives Statement. Anstatt mit erhobenem Zeigefinger neunmalklug die juvenile Naseweisheit stolz vor sich spazieren zu tragen, suchen die Leftovers ein Ventil, um sich von den Dämonen des Alltags zumindest temporär freimachen zu können.

Stabilität statt Experimente
Das Beste-Freunde-Quartett startete als Schülerband vor der Pandemie und veröffentlichte 2019 die EP „If I Had A Mood Ring It Would Be Black Fuck You Mom It’s Not A Phase“. Mit der Pandemie kamen Lockdowns und Home-Schooling und man verlor sich aus den Augen. Erst im Herbst 2021, als das Projekt schon gut eineinhalb Jahre begraben war, fand man sich wieder. „Wir funktionieren nur, wenn wir live spielen können und das war nicht mehr möglich“, erklärt Gitarrist Alex im „Krone“-Gespräch. Alex, Bassistin Anna und Drummer Leon saßen dann an einem schicksalshaften Tag im Augarten herum und beschlossen, es doch wieder anzugehen. Sänger Leonid stimmte schnell zu. Das hat manch wagemutige Experimente verhindert. Alex war schon dabei, eine neue Band zu gründen, Leon wollte seiner Rave-Punk-Phase freien Lauf lassen und ist nun froh, dass es doch nicht so weit kam. Monatelang nur im Zivildienst zu werken und sich daheim anzusaufen war irgendwann auch nicht mehr erfüllend.

Den Opener „Wiener Schule“ schrieb Alex vor der Pandemie. Was wie eine Punk-infizierte Hommage an das wilde Leben einer verlorenen Jugend klingt, hatte seinen Ursprung bei den Bränden von Notre Dame und im U-Bahn-Schacht am Karlsplatz. Die Single „Kinderzimmer“ ist ein in verzerrte Gitarren gegossener Hilferuf. „Der Song schließt an das Gefühl an, wie auf Kinder und Jugendliche geschissen wird“, nimmt sich Hauptredner Leon kein Blatt vor den Mund, „Depressionen, Angst- und Essstörungen und Suizide nehmen bei jungen Menschen zu. Wir retten mit unserer Musik nichts, aber wir reden darüber, weil die Themen uns direkt betreffen.“ Bassistin Anna ist 22, das Männertrio 21 Jahre jung. Während der Pandemie suchten sie, wie so viele andere auch, Auswege aus der tristen Fadesse und wurden von der Exekutive vom Karlsplatz oder der Donauinsel verjagt. „Wir haben gelernt, dass man sich von der Gesellschaft nichts erwarten kann. Das ist sehr frustrierend.“

Zwischen Danzer und Minor Threat
Musikalisch sind die Leftovers Nirvana näher als dem Punk, optisch vielleicht doch irgendwo zwischen den Sex Pistols und Sum-41 einzuordnen. Im Endeffekt aber egal, denn durch das Internet sind klassische Genre-Zuschreibungen ebenso veraltet wie stures Nischendenken. Was Spaß macht und gefällt ist erlaubt und findet Einzug in der Soundwelt der Wiener. „In unserer Touring-Playlist hören wir Georg Danzer, Playboy Carti, Tokio Hotel und Minor Threat“, lacht Leon, „theoretisch können wir auch noch Straßenmusiker werden und ein Cajon einsetzen.“ Mit „Krach“ ist nun aber ein erster Weg geebnet. Das an Kafkas „Die Verwandlung“ angelehnte „Käfer“ klingt dabei so stark nach Nirvana, dass die Band selbst darüber lachen muss. „Bevor wir den Namen hatten, war er unser ,Smells Like Teen Spirit‘-Song“. Auch wenn die Leftovers nicht mehr an die Demokratie als Gesellschaftsform glauben, leben sie sie in der Band aus. Alle Mitglieder schreiben Texte und jonglieren mit musikalischen Ideen, im Proberaum wird zwischen drei Minuten und drei Stunden dann ein Song daraus.

„Jeder Aspekt unserer Musik ist sehr unkontrolliert und passiert einfach. Aber irgendwie hat es bislang immer funktioniert.“ Auch wenn das vordergründige Image nach Rebellentum schreit, versucht das Quartett möglichst authentisch und echt zu sein. Das bedeutet, dass man sich nicht davor fürchtet, mit eigenen Unsicherheiten nach außen zu gehen. „Es ist komisch, wenn ich nach einer Show Autogramme schreibe, aber gleichzeitig weiß, dass ich ein 21-jähriger Arbeitsloser bin, der gerade noch so die Matura, aber nicht ein Semester Studium geschafft hat“, lacht Leon, „ansonsten arbeite ich für 8,50 Euro die Stunde in der Gastro und muss mir überlegen, wie ich mir morgen meinen Döner leisten kann.“ Die von diversen Medien vorschnell gezogenen Vergleiche mit völlig nihilistischen Punk-Bands streifen nur den Kern der Sache. Dafür haben die Leftovers trotz aller Negativität zu viel Liebe für die Liebe, die Gemeinschaft und das Miteinander übrig. „Bei Konzerten soll die Energie zwischen uns und dem Publikum am besten hin- und herschwappen.“

Die Welt geht unter
Die Leftovers rufen nicht offensiv zum Ungehorsam auf, sondern schaffen sich über die Musik den Raum, den ihnen die Gesellschaft nicht gibt. „Auf dem Album geht es stark um Verzweiflung“, so Alex, „Klimakrise, Krieg, Pandemie, Inflation, Turbokapitalismus. Die Reichen werden reicher und die Armen ärmer. Rassismus, Sexismus, Transfeindlichkeit und Homophobie nehmen zu. Bei uns wird ein Burschenschafter mit einer Schmiss-Narbe in die Präsidentenwahl geschickt und in Italien hat eine faschistische Partei gewonnen, die ihre Ausrichtung noch nicht einmal mehr versteckt.“ Leon sieht die Lage noch trister. „Ich habe jede Form von Hoffnung verloren. Wir steuern rundum auf katastrophale Bedingungen zu und deshalb will ich jetzt, im Moment, so viel Spaß haben, wie nur möglich. Wenn ich an die Zukunft denke, dann blicke ich sehr traurigen Zeiten entgegen.“

Desillusioniert von der tristen Lage bleibt zumindest die Flucht in das Kreative. Alltagseskapismus zwischen Resignation und Wut, so könnte man „Krach“ vielleicht am besten kategorisieren. „Wir haben in Österreich auch keine Protestkultur. Wenn, dann sind dort nur Rechte und Vollidioten zu sehen“, bekräftigt Leon, „aber das liegt daran, dass wir ein Wohlfühlstaat sind und alles noch gut geht. Es wird sich in den nächsten Jahren, wenn es uns allen um einiges schlechter gehen wird, aber zeigen, wie wir darauf reagieren.“ Die Leftovers verstehen sich als politische Menschen, nicht aber als politische Band. Vielleicht ist „Krach“ genau deshalb das richtige Album zur Stunde, weil es nicht nur das ins Abseits bugsierte Lebensgefühl einer verlorenen Generation widerspiegelt, sondern auch unverfälscht und dreckig produziert auf verzerrte Gitarren und Krach setzt, anstatt auf smoothe Beats und dicke Hosen. Oder um es mit den Worten der Band zu sagen: „Wenn schon sterben, dann mit Musik.“ Das könnte auch von Wanda kommen …

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