Mit nur 50 Jahren hat Deutschlands beliebter Entertainer Sasha eine Art Musical-Showrevue über sein ganzes Leben erschaffen und befand sich damit auf großer Tour. Zum Abschluss bespielte er Montagabend vor rund 1300 Fans die Wiener Stadthalle F und begab sich mit dem Publikum auf eine insgesamt dreistündige Reise, die leider nicht immer überzeugen konnte.
Ein unterdurchschnittliches Ego kann man Sascha Röntgen-Schmitz nicht nachsagen, soviel steht fest. In seinem rund zweistündigen, abendfüllenden Programm „This Is My Time - Die Show!“ interpretiert der deutsche Pop-Star Sasha, der sich 1998 mit dem Hit „If You Believe“ nach einigen Jahren der Dürre in diversen Nachwuchsbands plötzlich zum Superstar sang, selbst und das ohne Kompromisse. Eine Mischung aus Konzert, Show, Musical und Tanzveranstaltung kennt man zur Genüge, doch wo sich andere Künstler von Schauspielern interpretieren lassen oder es gar erst posthum die große Ausschlachtung der mehr oder weniger spannenden Leben und Karrieren gibt, stellt sich Sasha einfach selbst auf die Bühne. Der im Jänner 2022 50 gewordene Entertainer hat genug Erfahrung mit dem Showbusiness, schließlich reüssiert er seit jeher nicht nur als Sänger, sondern auch als Schauspieler, Juror oder „Masked Singer“, deren vierte Staffel er 2021 im Dinosaurierkostüm gewann.
Mehrere Karrieren
Sasha hat es geschafft, sich trotz zwischenzeitlicher Karrieredürren immer wieder aufzuraffen und im erhöhten Alter und mit grau meliertem Haar auch für eine jüngere Generation greifbar zu sein. Das ist nicht zuletzt unzähligen TV-Engagements wie seiner Juror-Rolle bei „The Voice Kids“ oder „Schlag den Star“ geschuldet. Zwei der wenigen Beispiele, wo auch noch die U-35-Klientel einen Blick ins lineare Fernsehen wagt. Da ist es nur folgerichtig, dass er Silbereisens Ruf auf das „Traumschiff“ folgte - Berührungsängste sind Sasha gänzlich fremd. Dass er als quicklebendiger 50-Jähriger sein bisheriges Leben rekapituliert, ist aber ein sympathischer Ansatz, zumal er das auch mit einer gehörigen Portion Selbstironie tut und nicht in die gefährliche Promi-Falle des sich selbst zu Ernstnehmens tappt. Der Wahlhamburger hat Charme und, sicher ein wichtiger Anteil des lockeren Programms, auch in der Gegenwart genug Erfolg, um nicht verbittert rüberzukommen.
Dabei wird in der netto mehr als zweieinhalbstündigen, auf zwei Teile halbierten Show am Ende klar, dass ihm die Gegenwart besser zu Gesicht steht als der Ausflug in die Vergangenheit. Kalauer über seine Findungsphase zwischen 80er-Synthie-Pop, Grunge und Trash-Disco im Pubertäts- und Jungerwachsenenalter sind vor Klischeehaftigkeit nicht zu überbieten, die dargebotenen Cover-Versionen retten den Fremdschäm-Teil der Show auch nicht mehr. Huey Lewis‘ Kultklassiker „The Power Of Love“ singt er anfangs absichtlich schleißig, findet aber auch mit normaler Gesangsstimme nicht in die Spur. Pearl Jams Kultsong „Alive“ in weißem Biedermannhemd und Lackschuhen auf „Rocksau“ zu interpretieren ist eigentlich ein Sakrileg und dann auch noch in Wien Falcos „Kommissar“ zu verhunzen - ein Glück, dass die Anwesenden Milde walten ließen.
Authentizität mit einem Trick
Wenn man sich durch das gute erste Drittel des Programms gemüht hat, gibt es zwei Erkenntnisse. Erstens: Sasha hat über viele Jahre hinweg wirklich alles versucht, um zu entsprechen und irgendwo Erfolg zu haben. Zweitens: an überbordendem Selbstvertrauen hat es auch in prekären Zeiten nicht gemangelt. Dass seine alten Gassenhauer wie „If You Believe“, „I Feel Lonely“ oder „I’m Still Waitin‘“, mit denen er Ende der 90-Jahre der Herzen der Teenie-Fans erobert hat, funktionieren, liegt am Schmäh in der Metaebene. Co-Konzeptionist und Regisseur Thomas Hermann, Kabarett-erfahren und Erfinder des legendären Quatsch-Comedy-Club, lässt Sasha durch seine eigene Vita reisen und schafft es damit, dass ein 50-Jähriger Songs eines 27-Jährigen vorträgt und dabei eine gewisse Form von Show-Authentizität bewahrt. Bei der Reise durch Kindheit, Jugend und Erwachsenenleben wird der Protagonist von unterschiedlichen Video- und Bildeinspielungen begleitet und von einer siebenköpfigen Band, zwei Background-Sängerinnen und einer Horde Tänzern unterstützt.
Der Aufwand für die 29 Veranstaltungen fassende Tour ist gewaltig, Wien ist hier und heute noch dazu die allerletzte Station, was am Ende des bunten Treibens für viel Wehmut auf und abseits der Bühne sorgt. Bis es soweit ist, erklärt uns Sasha im Hochgeschwindigkeitssprechtempo detailliert, wie er vor seinem privaten Eheglück die Hamburger Reeperbahn unsicher machte, weshalb er mit seinem von Nick Cave And The Bad Seeds inspirierten Nebenprojekt Dick Brave And The Backbeats versuchte, eine eigene Übersee-Identität durchzusetzen und damit das einzige Nummer-eins-Album seiner Karriere schaffte und wie er zwischen unzählbaren Promoterminen in den USA, diversen Naherlebnissen mit Fans in Thailand und einem Papstbesuch bei Johannes Paul II. im Vatikan nicht völlig den Verstand verlor. Dazwischen covert der Westdeutsche den Ärzte-Song „Westerland“ als Julio-Iglesias-Imitator und erzählt, wie ihn Whitney Houston anhand seiner Haare erkannte.
Was kommt jetzt?
Sashas Vorteil ist seine Erfahrung und Brillanz als Entertainer und dass ihm Buddy Hermann ein Konzept auf den Leib schneiderte, das ihm wie ein perfekter Anzug passt. Wenn sich der 50-Jährige zu stark in mediokren Witzen verrennt, gibt es entweder eine Eigenkomposition wie das flotte „Lucky Day“, Dick-Brave-Rock’n’Roll, oder es wird Frank Sinatra und alten Schlagerstars gehuldigt, mit denen Sasha in einem nicht unkomplizierten Elternhaus aufwuchs. Die großen Zeiten als Sänger sind vorbei, im Schauspielerbereich schippert er auf seichten Gewässern, in puncto Allround-Entertainment macht dem guten Mann aber kaum jemand etwas vor. „This Is My Time“ ist im Gesamtbild trotz angeführter Schwächen überraschend kurzweilig und setzt sich Ende 2023 in Deutschland fort. Die Frage ist aber: was kommt nach dieser frühen Lebensretrospektive? Oder ist das schon der unausgesprochene Beginn vom Rückzug ins Private? Sasha wird es uns garantiert wissen lassen.
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