Nach dem Milliarden-Versprechen des Bundeskanzlers in Sachen Kinderbetreuung zeigt eine aktuelle Arbeiterkammer-Erhebung eine teils dramatische Lage in der Steiermark: In weniger Gemeinden als noch im Vorjahr können beide Elternteile von Kleinkindern in Vollzeit arbeiten!
Die Summe klingt gewaltig: 4,5 Milliarden Euro zusätzlich sollen in den Ausbau der Betreuung von Kleinkindern fließen. Dieses Ziel formulierte Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) im „ORF-Sommergespräch“ am Montag.
Doch Geld alleine wird den Mangel an Plätzen nicht beheben: Denn derzeit fehlt es vor allem an Personal. Auch heuer müssen die großen Trägerorganisationen wie Wiki oder Gip quasi bis zur letzten Minute darum kämpfen, jede Gruppe eröffnen zu können.
Die Steiermark als Österreich-Schlusslicht
Die Steiermark ist bei den unter Dreijährigen mit einer Fremdbetreuungsquote von 19,9 Prozent sogar Schlusslicht. Das europaweite Ziel bis 2030 liegt bei 45 Prozent! Wie viel Aufholbedarf noch besteht, demonstriert alljährlich eine Erhebung der Arbeiterkammer („Kinderbetreuungsatlas“). Die am Mittwoch präsentierten Zahlen zeigen sogar Rückschritte.
Denn nur mehr in 70 statt wie zuletzt in 74 Gemeinden (von steiermarkweit 286) ermöglicht das Betreuungsangebot, dass beide Elternteile einen Vollzeitjob annehmen. Als Kriterien gelten neben einer Kinderkrippe oder Tageseltern für die ganz Kleinen auch Ganztagskindergärten, die mindestens 45 Stunden in der Woche offen und maximal fünf Wochen im Jahr geschlossen haben, sowie eine Nachmittagsbetreuung in der Volksschule.
Neue Kinderkrippen eröffnen
Immerhin: Die Zahl der Gemeinden in der zweithöchsten Kategorie (hier spielen die Ferienschließzeiten keine Rolle) ist mit 153 exakt gleich wie im Vorjahr. Und die Zahl der Kinderkrippen steigt kontinuierlich, heuer eröffnen etwa neue Einrichtungen in Langenwang, Neuberg, Allerheiligen bei Wildon, Kapfenstein und Schladming.
Aber: 20 Kommunen - fast alle in der Obersteiermark - bieten keine Betreuungsmöglichkeit für Kinder unter drei Jahren an. Und in 44 Gemeinden schließen die Kindergärten spätestens um 13 Uhr, was vor allem Frauen in Teilzeitarbeit drängt und für Pendler kaum zu bewerkstelligen ist. Dazu kommen lange Ferien, die Familien zu schaffen machen.
Jeder Zweite denkt an Berufswechsel
Dass sich die Situation noch weiter zuspitzen könnte, zeigt eine Online-Befragung der Arbeiterkammer unter 2600 Beschäftigten in steirischen Kindergärten und -krippen. Demnach finden 91 Prozent die Gruppen zu groß, 72 Prozent gaben an, die Kinder nicht mehr ausreichend betreuen zu können. Rund die Hälfte der Befragten denkt ernsthaft an einen Berufswechsel nach.
„Situation ist katastrophal“
Arbeiterkammer-Präsident Josef Pesserl wirft der Politik vor, jahrelang zu wenig agiert zu haben: „Die Situation ist katastrophal!“ Und Frauenreferatsleiterin Bernadette Pöcheim ergänzt: „Wir sehen jetzt die Versäumnisse der Vergangenheit. Die Politik muss erkennen, dass jetzt zu handeln ist - nicht morgen!“ Man wünsche sich etwa einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem ersten Lebensjahr, kostenlose Betreuungsplätze - und nicht nur eine Sozialstaffel - sowie längere Öffnungszeiten der Einrichtungen.
Der gesamte Kinderbetreuungsatlas der steirischen Arbeiterkammer ist online verfügbar.
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