Unfälle können unter anderem nachhaltige Beschwerden im Bereich der Halswirbelsäule zur Folge haben. Ein Neurochirurg zeigt auf, welche Rolle dabei der Nervus Vagus spielt.
Es ist schnell passiert: Ein Ausrutscher beim Wandern, ein Auffahrunfall, ein Kopfsprung in zu seichtes Wasser - heftiges Anstoßen des Kopfes kann langwierige Verletzungen der Halswirbelsäule zur Folge haben. Mit Nackenschmerzen und Kopfweh, aber nicht selten auch Symptomen wie Ohrensausen, Schwindel oder Benommenheit.
„Leider wird die eigentliche Ursache dieser Beeinträchtigungen oft länger nicht erkannt“, bedauert Neurochirurg Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Eisner, „weil sich die medizinischen Untersuchungen meistens zuerst nur auf Knochen, Bandscheiben und Bänder konzentrieren.“
Die Patienten zeigen sich zunehmend psychisch erschöpft. Sie haben Gedächtnis-, Konzentrations und und Sehstörungen, Herzrasen sowie häufig Kreislaufprobleme!
Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Eisner, Neurochirurg
Bild: Österreichische Schmerzgesellschaft, Krone KREATIV
Sind diese unversehrt, wird eine Zerrung der Halswirbelsäule vermutet. Schmerzen sollten dann innerhalb von einigen Wochen verschwinden. Doch bei vielen Betroffenen treten zusätzlich die beschriebenen, neurologischen Anzeichen auf, wie Dr. Eisner ausführt: „Die Patienten zeigen sich zunehmend psychisch erschöpft. Sie haben Gedächtnis-, Konzentrations und und Sehstörungen, Herzrasen sowie häufig Kreislaufprobleme!“
Die Patienten sind keine Simulanten!
In solchen Fällen „fahnden“ die Ärzte mittels MRT nach unfallbedingten Veränderungen in Rückenmark und Hirnstamm. Andere sprechen von Fehlstellungen des ersten Halswirbels (Atlas), der gleichsam den ganzen Kopf trägt. Prof. Eisner: „Findet sich auch dann nichts, landen die Kranken mitunter sogar beim Psychiater. Schlimmstenfalls werden sie als Simulanten oder Versicherungsbetrüger verdächtigt.“
Dabei liegt der wahre Grund aber in einer „Beleidigung“ des zehnten Hirnnervs, des Nervus Vagus, wie der Facharzt erklärt: „Dieser Nerv ist für Ruhe, Erholung und Regerenation zuständig. Er steht in enger Beziehung zu den Wirbelknochen und vielen umgebenden Muskeln, welche die Kopfbewegung steuern.“
Auch die Hirnhaut am Hinterkopf ist betroffen
Bei Verletzungen der oberen Halswirbelsäule kommt es zur Dehnung des Nervus Vagus. Die reflexartige Muskelverkrampfung, die das überdehnte Gewebe schonen soll, engt ihn ein und stört damit seine Funktion. Dr. Eisner: „Die Schädigung wirkt sich dann auf die Nerven in Gesicht und Rachen, auf die Ohrmuscheln, Teile des Gehörganges und die Hirnhaut im Bereich des Hinterkopfes aus. Das erklärt die Kopfschmerzen und andere Begleiterscheinungen.“
Dass man diesen Beschwerdekomplex medizinisch „Zervikozephales-Syndrom“ nennt, wird Leidenden nicht weiterhelfen. Sie wollen das Übel so rasch wie möglich wieder loswerden. Neurologe Eisner über die umfassende Behandlung mit unterschiedlichen Maßnahmen: „Zunächst werden Medikamente gegen akute Schmerzen eingesetzt. Gelegentlich kommt auch eine Halskrause zur Anwendung, um die Halswirbelsäule zu entlasten. Längerfristig nützen Wärmeanwendungen, Elektrotherapie, Übungen wie progressive Muskelentspannung, Heilgymnastik und autogenes Training sowie physikalische Behandlung. In seltenen Fällen können chirurgische Eingriffe notwendig sein.“
Alle Fachleute wie Neurochirurgen, Neurologen, Orthopäden, Unfallchirurgen, Anästhesisten, Psychiater oder Physiotherapeuten sollten anerkennen, dass die Beschwerden real sind und bestimmt keine Einbildung!
Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Eisner, Neurochirurg
Bild: Österreichische Schmerzgesellschaft, Krone KREATIV
Abschließend appelliert Prof. Eisner an Unfallopfer wie behandelnde Ärzte, bei der Ursachenforschung keinesfalls locker zu lassen: „Alle Fachleute wie Neurochirurgen, Neurologen, Orthopäden, Unfallchirurgen, Anästhesisten, Psychiater oder Physiotherapeuten sollten anerkennen, dass die Beschwerden real sind und bestimmt keine Einbildung!“
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