99.000 auf der Flucht
Bergkarabach-Region: „Potenzial für Flächenbrand“
Nach Aserbaidschans Rückeroberung der Konfliktregion Bergkarabach im Südkaukasus haben bisher fast 99.000 Menschen Zuflucht in Armenien gesucht. Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) kritisierte die aserbaidschanische Militäroffensive und forderte von Baku „Sicherheitszusagen“ für die Karabach-Armenier. Mit Blick auf andere Konflikte in der Region sieht der Minister „das Potenzial für einen massiven Flächenbrand im Südkaukasus“. Unterdessen hat sich die Zahl der Toten nach der Explosion eines Treibstofflagers in Bergkarabach auf mindestens 170 erhöht.
Zugleich kündigte Schallenberg in der „Tiroler Tageszeitung“ zwei Millionen Euro an Hilfen für die Karabach-Flüchtlinge aus zusätzlichen Mitteln der Austrian Development Agency (ADA). Sie sollen den Vertriebenen über das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) zugutekommen. Armenien ist ein ADA-Schwerpunktland.
Behörden: Bergkarabach wird am 1. Jänner aufgelöst
Das autoritär regierte Aserbaidschan hatte in einer Militäroffensive in der vergangenen Woche die seit Jahrzehnten umkämpfte Region zur Gänze zurückerobert. Die Führung der international nicht anerkannten Republik Arzach (Bergkarabach) hatte danach kapituliert und in dieser Woche auch die Selbstauflösung zum 1. Jänner 2024 besiegelt. Die aserbaidschanische Regierung und auch Russland, das als Schutzmacht Armeniens gilt, hatten erklärt, dass es keinen Grund zur Flucht gebe. Allerdings befürchten die Karabach-Armenier Verfolgung und Gewalt durch Aserbaidschan.
„Ethnische Säuberungen“
In Jerewan warf Armeniens Regierungschef Nikol Paschinjan dem Nachbarland am Donnerstagabend bei einer Regierungssitzung „ethnische Säuberungen“ vor. „Die Analyse der Situation zeigt, dass in den kommenden Tagen in Berg-Karabach kein Armenier mehr sein wird.“ In der Vergangenheit hatte es zwischen den christlichen Karabach-Armeniern und den muslimischen Aserbaidschanern Konflikte gegeben.
Flüchtlingszentrum eingerichtet
Nach armenischen Regierungsangaben wurde in der Nähe von Bergkarabach ein humanitäres Zentrum für die Flüchtlinge eingerichtet. Die Menschen erhielten eine Unterkunft, teilte die Regierungssprecherin weiter mit. Der Menschenrechtsbeauftragte von Bergkarabach, Gegam Stepanjan, hatte mitgeteilt, dass bei der jüngsten Militäroffensive Aserbaidschans mindestens 200 Menschen getötet und etwa 400 verletzt worden seien. Auch die aserbaidschanische Seite hatte über Verluste in den eigenen Reihen berichtet.
Schon 170 Tote nach Treibstofflager-Explosion in Bergkarabach
Nach der Explosion eines Treibstofflagers in Bergkarabach hat sich die Zahl der Toten nach Angaben der örtlichen Behörden auf mittlerweile mindestens 170 erhöht. Das teilte die Regierung der selbst ernannten Republik am Freitag mit. Zuvor waren die Behörden von 68 Toten und rund 200 Verletzten ausgegangen. Das Treibstofflager war am Montagabend explodiert.
Viele Menschen hatten sich dort nach der aserbaidschanischen Militäroffensive gegen die pro-armenischen Kämpfer in Bergkarabach mit Treibstoff für ihre Flucht nach Armenien eingedeckt. Bergkarabach gehört völkerrechtlich zu Aserbaidschan, es leben dort aber überwiegend ethnische Armenier. Die Region hatte sich 1991 nach einem international nicht anerkannten und von der aserbaidschanischen Minderheit boykottierten Referendum für unabhängig erklärt.
Region ist umstritten
Die Region ist seit Jahrzehnten zwischen den verfeindeten Ex-Sowjetrepubliken Aserbaidschan und Armenien umstritten. In den 1990er Jahren konnte sich das auf aserbaidschanischem Gebiet liegende, aber mehrheitlich von Armeniern bewohnte Berg-Karabach mithilfe Jerewans in einem blutigen Bürgerkrieg von Baku loslösen. Dem durch Öl- und Gaseinnahmen militärisch hochgerüsteten Aserbaidschan gelang zunächst 2020 eine Rückeroberung großer Teile Bergkarabachs. Ein von Russland vermittelter Waffenstillstand erwies sich als brüchig.
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