Stress, Sorgenfalten, Sehnsucht nach Stille: Wie kann Weihnachten womöglich wirklich schön werden? Das fragen sich mittlerweile viele Landsleute, die mit Blick aufs angeblich so frohe Fest eher Angst als Freude empfinden. Eine Psychologin der Telefonseelsorge OÖ hat gute „Geheimtipps“.
Weihnachten weckt die Sehnsucht nach Ruhe und Harmonie, nach Besinnlichkeit und frohem Beisammensein. Die Realität sieht aber oft anders aus: Weihnachtstress, Überforderung, überhöhte Erwartungshaltungen, Einsamkeit oder familiärer Unfriede.
Wie können wir angesichts multipler Krisen und persönlicher Herausforderungen ruhig werden und den Zauber in den kleinen Dingen sehen? Wie können die Weihnachtsfeiertage so gestaltet werden, dass sie für die jeweilige Lebenssituation stimmig sind? Wie kann man angesichts vieler unterschiedlicher Erwartungen gut auf sich selbst und die eigenen Bedürfnisse achten? Das war bei einer Pressekonfrenenz der Telefonseelsorge OÖ am Montag Thema.
„Weihnachtszeit ist viel intensiver“
Bischof Manfred Scheuer sagte: „Enttäuschungen, Verletzungen, Kränkungen, Einsamkeit und Existenzsorgen brechen zur Weihnachtszeit viel intensiver herein als zu anderen Zeiten im Jahr. Auch materielle Sorgen machen sich stärker bemerkbar. Abgebrochene Beziehungen, der Tod des Lebenspartners bzw. der Lebenspartnerin oder von Freundinnen und Freunden sind am Beziehungsfest Weihnachten spürbarer.“
Die Sehnsucht nach mehr Verbundenheit und Tiefe treffe dann auf die Realität quälender innerer Leere. „Viele Menschen zweifeln gerade an Weihnachten daran, dass es das Leben, dass es Gott mit ihnen gut meint. Auch diese Seite von Weihnachten gibt es – und sie soll und darf nicht verschwiegen werden“, betont Scheuer.
Viele haben derzeit Sorgen
Auch Landeshauptmann Thomas Stelzer ortet viele Sorgen, mit denen viele Menschen derzeit konfrontiert sind. „Oberösterreich ist das Land des Miteinanders, des Zusammenhalts. Das gilt das ganze Jahr über, aber natürlich speziell zu Weihnachten. Denn wir leben in sehr turbulenten, herausfordernden Zeiten. Gerade jetzt ist es wichtig, sich gegenseitig Halt und Unterstützung zu geben. Als Land versuchen wir nach Kräften zu helfen, wo Unterstützung notwendig ist: durch finanzielle Mittel, durch Beratungen und Begleitungen. Ein vertrauliches Gespräch ist oftmals eine ganz entscheidende Hilfe.“
Eigene Gefühle ernst nehmen, sich von Idealvorstellungen verabschieden
„Auch in Zeiten der Unsicherheit bleibt die Sehnsucht nach Nähe, Verbundenheit und Sinn die zentrale Frage“, erklärt Silvia Breitwieser, Leiterin der Telefonseelsorge OÖ. Getriebenheit, Stress, aber auch der – oft unerfüllte – Wunsch nach Harmonie scheinen untrennbar mit Weihnachten verbunden zu sein. Das macht viele unzufrieden und selbstkritisch. Die Konsequenz: Manche beginnen sich mit Freunden, sozialem Umfeld, Influencer etc. zu vergleichen – und kommen zu dem Schluss, alle anderen seien organisierter, entspannter, zufriedener und erfolgreicher.
„Ich hab’s wieder nicht geschafft“
Barbara Lanzerstorfer-Holzner, Referentin der TelefonSeelsorge OÖ, schildert Situationen aus ihrem Arbeitsalltag: „Bei unseren Anrufer:innen hören wir häufig die Sätze: ‘Ich hab’s wieder nicht geschafft‘, ‘Ich war wieder zu langsam, zu wenig organisiert‘. In unsicheren und äußerst herausfordernden Zeiten wie diesen trifft diese Selbstkritik bei vielen Menschen auf eine erschütterte Zuversicht und ein verloren gegangenes Vertrauen in die Welt.
Die vielen Krisen der letzten Jahre haben uns, aber auch die Gesellschaft an sich vulnerabler gemacht. Mit einer optimistischen Grundhaltung ins neue Jahr zu gehen, braucht viel mehr Überwindung und Widerstandsfähigkeit als vor fünf Jahren“, weiß die Expertin. Die häufige Folge dieser Mischung aus Unzufriedenheit, Überforderung und Selbstzweifel: Sinnkrisen, Ängste, Schlafstörungen, depressive Verstimmungen bzw. Rückzug.
Wie wohl täte es in dieser Situation, Mut zugesprochen zu bekommen, umarmt zu werden oder Trost zu finden. Dieses Bedürfnis scheitert manchmal am fehlenden sozialen Umfeld, manchmal aber auch an der Bereitschaft, die eigene Verletzlichkeit oder Berührbarkeit wahrzunehmen. Weihnachten ist eine gute Gelegenheit, sich mit der eigenen Verletzlichkeit, der eigenen Berührbarkeit auseinanderzusetzen und fürsorglich mit sich selbst umzugehen.
Psychologin Barbara Lanzerstorfer-Holzner
Bischof und Landeshauptmann sitzen am Sorgentelefon
Mit Bischof oder Landeshauptmann telefonieren – das ist am Dienstag, von 18 bis 20 Uhr (Bischof Manfred Scheuer) und von 18.30 bis 19.30 Uhr (LH Thomas Stelzer), bei der Telefonseelsorge möglich: 142.
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