Album „The Human Fear“

Franz Ferdinand: Immer große Hits schreiben

Musik
09.01.2025 09:00

Gut sieben Jahre ließen die schottischen Rocker Franz Ferdinand zwischen ihrem letzten Studioalbum und dem aktuellen, „The Human Fear“, ins Land ziehen. Frontmann Alex Kapranos erklärt im „Krone“-Interview, warum das sein musste, wieso man sich an der eigenen Vergangenheit orientierte und wie man am besten mit Ängsten umgeht.

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Diese – zugegeben – ausgelutschte Binsenweisheit war für viele Kunst- und Kulturschaffende dank der Corona-Pandemie traurige Realität. So passiert auch bei den Schotten Franz Ferdinand, deren brandaktuelles Album „The Human Fear“ das erste nach fast sieben Jahren ist. Eine solche Zeitspanne zwischen zwei Werken nimmt fast schon Guns N‘ Roses-Dimensionen an, das ist Frontmann Alex Kapranos im „Krone“-Talk klar. „2018 haben wir ,Always Ascending‘ rausgebracht, waren dann damit auf Tour und wollten gleich das nächste Album schreiben. Dann brach aber die Pandemie über uns herein und es war klar, dass ein neues Album keinen Sinn machen würde.“ So erschien im März 2022 die Best-Of-Scheibe „Hits To The Head“, auf der die schottische Band pünktlich zum 20. Geburtstag erstmals in ihrer Karriere zurückblickte.

Identität der Band wiedergefunden
„Damit gingen wir dann wieder auf Tour, die Hits will ja jeder hören. Ich hasse es, zurückzublicken und in die Vergangenheit zu gehen. Aber es war schon gut, dieses Album zu kompilieren, weil ich wieder zu den alten Songs zurückging und mir vergegenwärtigte, was Franz Ferdinand damals ausmachte und wie wir tickten. Ich habe wieder die Identität der Band erkannt und damit auch neuen Mut gefasst.“ Der wichtigste Vorsatz für das aktuelle Studioalbum war, dass jeder Song ein potenzieller Hit sein müsste. „Wenn du ein Greatest-Hits-Album rausbringst, dann willst du auf jeden Fall an diese Leistung rankommen“, lacht der Frontmann vor seinem Gemälde von Egon Schiele, „jeder Song musste sich also mit den großen Hits messen können. Jeder Song sollte einen Platz in einem potenziellen Live-Set haben und es auch wert sein, gespielt zu werden.“ Daneben fanden Franz Ferdinand nach einer kurzen Krise auch wieder zur alten Leichtigkeit zurück.

2021 verließ Drummer Paul Thomson die Band nach knapp 20 Jahren. Für Rädelsführer Kapranos war das ein schwerer Schlag. „Ich hasse es, das zu sagen, aber Paul hat die letzten Jahre wirklich viel negative Energie in die Band gebracht. Bemerkt habe ich das aber erst, als er weg war und Audrey ihn ersetzte. Plötzlich hatte ich wieder jemanden an der Position, der unsere Songs von früher spielen wollte. Der Freude daran hatte und einen neuen Vibe brachte. Das hat die Dynamik in der Band stark zum Positiven verändert.“ Audrey Tait ist keine Unbekannte in der schottischen Indie- und Rock-Szene und hat Franz Ferdinand nach knapp zwei Dekaden frischen Wind unter den Flügeln beschert. „Viele Journalisten fragten mich, warum ich eine Frau in die Band geholt habe. Ich habe Audrey aber nicht deshalb geholt, sondern weil sie der beste Drummer in ganz Schottland ist. Ich habe nie nach neuen Bandmitgliedern gesucht, aber bin froh über die, die nun da sind. Die Band fühlt sich einfach gut an.“

Die Kraft des Unbewussten
So frisch und frei entstanden auch die Songs auf dem lose konzeptionellen „The Human Fear“. Kapranos ist ein großer Fan von Technologie, aber ein noch größerer von spontanem Rock’n’Roll. „Wenn fünf Menschen zusammen in einem Raum rocken, ist das mit nichts vergleichbar.“ Die Band hat nicht nur viele erste Aufnahmen verwendet, vor allem Kapranos‘ Gesang ist teilweise kurios auf CD und Platte gepresst worden. „Manchmal habe ich mich unter der Bettdecke gebrochen, mein kleines Kind im Nebenraum, und dort in mein Mikrofon Spuren eingesungen. Ich habe das Schlafzimmer mit Mänteln und Decken abgehängt. Alles sehr Lo-Fi und so richtig Old-School. In diesen Momenten singe ich unbewusst, weil mich niemand beobachtet und bewertet, wie es im Studio der Fall ist. Und aus diesem Unterbewusstsein entstehen dann die besten, weil authentischsten Momente.“

„The Human Fear“ lebt von einem sehr interessanten Paradoxon. Einerseits behandelt jeder der elf Songs eine bestimmte Angst, andererseits ist das Werk unheimlich beschwingt und fröhlich. Dass „Hits To The Head“ hier nachwirkt, merkt man nicht zuletzt daran, dass zwischen Disco-Krachern wie „Hooked“, Garage-Rock-Ausflügen und ein paar ernsteren Art-Rock-Ausschlenkern alles zitiert wird, was man von Franz Ferdinand kennen- und liebengelernt hat – nur eben ohne dabei die eigene Vergangenheit zu kopieren. „Ich habe noch nie in meinem Leben an einem Konzept gearbeitet und auch dieses fiel mir erst auf, als ich die letzte Zeile zum letzten Song schrieb.“ So behandelt „Tell Me I Should Stay“ die Angst vor dem Abschied eines geliebten Menschen, „Bar Lonely“ die Angst vor dem Ende einer Beziehung oder „The Birds“ die Angst, von seinen besten Kumpels im Stich gelassen zu werden. Letzterer Song etwa überrascht mit einem Funk-Vibe. „Es ist sicher kein konventioneller Song von uns, aber einer, der viel Spaß macht. Wir haben einfach Hooks und Riffs aneinandergereiht und uns die Freiheit gewährt, alles fließen zu lassen.“

Zurück zu den Wurzeln
Durchaus ernste Themen, musikalisch leichtfüßig vermischt – das ist das Erfolgsrezept des aktuellen Albums. „Heute bewertet und beurteilt jeder jeden. Eine furchtbare Sache, vor der ich Abstand nehme. Ich muss nicht mit jedem einer Meinung sein, aber deshalb muss ich mich nicht öffentlich dazu äußern. Das ist eine ungesunde Richtung, die unsere Gesellschaft da nimmt. Als Musiker habe ich früh damit umgehen gelernt, dass jeder eine Meinung zu dir hat und sehr viele Leute dich nicht mögen. Das muss man ausblenden, aber auch vertragen. So wie den Humor. Ich hasse Sexismus und ich hasse Rassismus. Ich hasse es aber auch, dass man heute jeden Witz sofort in Schubladen steckt.“ Mit „Black Eyelashes“ schrieb Kapranos sogar einen Song über seine griechischen Wurzeln. „Mein Vater ist von dort und ich bin ein typischer Immigrant. Als Kind war ich oft in Griechenland, haben sich immer alle gewundert, wie ein blonder Junge mit blauen Augen Griechisch kann. Ich habe dort nicht hingepasst, obwohl ich dort verwurzelt bin. Die schwarzen Wimpern sind also eine lustige Metapher für meine Identität.“

Mit „The Human Fear“ gehen Franz Ferdinand zurück zu alten Stärken und beweisen schon früh im Jahr, dass man auch als altgediente Band noch durchaus frisch und frei von der Leber weg musizieren kann. Nur das österreichische Publikum muss (noch) warten. Weder bei den Februar-Tourdaten, noch bei den bislang bestätigten Sommer-Festival-Shows in Europa ist ein Termin in der Alpenrepublik fixiert. Kapranos ist sich aber sicher, dass da noch eine Rutsche nachgelegt wird …

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