(Bild: KMM)

Kapuzinergruft Wien

Die geheimen Codes auf den Särgen der Habsburger

Bestattungen nach Habsburger-Art in der imposanten Grablege der Dynastie: Samt und Seide in Särgen, schöne Totenengel und verschollene Sargschlüssel. Über geheimnisvolle Vergänglichkeitssymbole und wer heute bei Sargöffnungen längst verstorbener Habsburger immer anwesend sein müssen.

Einige Meter unter der Erde, unterhalb des Wiener Kapuzinerklosters liegt die Kapuzinergruft, die bekannteste Begräbnisstätte der Habsburger.

Der größte Mythos, der zu den Begräbnisriten der Habsburger vorherrscht? Die sogenannte „Klopfzeremonie“ bei welcher der Zeremonienmeister immer dreimal an die Pforte des Kapuzinerklosters klopft und mit lauter Stimme um Einlass für den Toten begehrt. Diese Zeremonie wurde aber weder regelmäßig noch bei allen Habsburgern angewandt. Protokolle dazu gibt es keine und niedergeschrieben wurde ebenso wenig, denn das Wissen um Abläufe wurde mündlich von Generation zu Generation weitergegeben.

Gesichert ist, dass bei einigen bekannten Herrschern wie Leopold I. (1640-1705), Karl VI. (1685-1740) und seiner Tochter Maria Theresia (1717-1780) „angeklopft“ wurde.

Doch in der Regel übernahmen die Kapuziner in ihrer 400-jährigen Geschichte als Hüter der habsburgischen Begräbnisstätte die Särge der verstorbenen Habsburger meist unaufgeregter: Man überführte die Verstorbenen in ihren Särgen einfach in die Kapuzinergruft, ausgefeilte Einlasszeremonie fanden normalerweise nicht statt.

Mit zwei Schlüsseln wurden die Sarkophage versperrt
Dafür gab es stets eine andere Zeremonie bei den Habsburger Bestattungen. Diese hatte aber nichts mit dem Einlass zu tun, sondern mit der Identifizierung der Toten. In der Kapuzinergruft angekommen, musste der Sarg mit dem Verstorbenen noch einmal geöffnet werden. Vor dem offenen Sarg fragte der Pater Guardian des Klosters den Oberstkämmerer des Wiener Kaiserhofes, in dessen Aufgabenbereich dieses Zeremoniell fiel: „Erkennst du deinen Herrn bzw. deine Herrin?“, und auf dessen „Ja“, wurde der Sarg endgültig verschlossen.

Anschließend versperrten der Kapuziner und der Oberstkämmerer den Sarg mit zwei verschiedenen Schlüsseln, einem aus Gold und einem aus Silber. Der silberne Schlüssel blieb im Kapuzinerkloster, der goldene wanderte in die kaiserliche Schatzkammer.

Ein Ordnungssystem in die zahlreichen kaiserlichen Sargschlüssel brachte erst Kaiser Franz Joseph (1830-1916). Er gab 1895 einen exquisiten Holzschrank für die Aufbewahrung der vielen über die Jahrhunderte angesammelten Sargschlüssel in Auftrag. In diesem Schrank lagern bis heute in kleinen Laden 139 Sargschlüssel, er ist in der „Geistlichen Schatzkammer“ in Wien zu sehen. 

Wo sind die fehlenden Sargschlüssel?
Einige Geheimnisse rund um diese habsburgischen Sargschlüssel gilt es noch zu lösen. Man weiß etwa, dass Kaiser Ferdinand III. acht Sargschlüssel für seinen späteren Sarg in Auftrag geben ließ. Welche Zeitgenossen die sechs verbleibenden erhielten, ist ungeklärt. Auch, wohin der dritte Sargschlüssel von Kaiser Karl VI. kam, weiß man seit dessen Ableben nicht.

Hatten Kapuzinermönch und Oberstkämmerer den Sarg sorgfältig versperrt, wurde er in den Sarkophag gehoben. War dieser zum Zeitpunkt der Bestattung noch nicht fertiggestellt – bei vielen Habsburger Sarkophagen, vor allem jenen der Kaiser, handelte es sich um Kunstwerke, deren Herstellung lange dauerte –, stellte man den Sarg in der Zwischenzeit in einer Ecke der Gruft ab.

Die Sarkophage von Kaiser Franz Joseph (Mitte), Kaiserin Elisabeth (links) und Kronprinz Rudolf (rechts). (Bild: Martina Winkelhofer/Foto Marlena König )
Die Sarkophage von Kaiser Franz Joseph (Mitte), Kaiserin Elisabeth (links) und Kronprinz Rudolf (rechts).

Muss heute ein Sarkophag geöffnet werden, etwa für Restaurierungsmaßnahmen, folgt die Sargöffnung stets einem fest vorgeschrieben Prozedere: Neben dem Restaurator muss immer ein Kapuzinerpater und ein Mitglied der Familie Habsburg anwesend sein. Sargöffnungen wegen nötig gewordener Restaurierungen bringen immer wieder neue Erkenntnisse über die alten habsburgischen Bestattungsrituale, etwa, wie die Toten zur letzten Ruhe gebettet wurden.

So wurden zum Beispiel die Särge von Kaisern und Kaiserinnen mit schwarzem Samt mit goldenen Verzierungen überzogen, die Särge der rangniedrigeren Verwandten mit rotem Samt und silbernen Verzierungen, Kindersärge waren weiß ummantelt. Ausgelegt waren die Innensärge mit silbernem, weißem oder rotem Seidenstoff. Roter Stoff wurde meist bei Kindern verwendet, oder wenn Mutter und Kind gemeinsam in einem Sarg bestattet wurden.

Was erzählen die Totenengel?
Besuchten die Menschen der Barockzeit die imposante Grablege der Habsburger, so konnten sie die Sarkophage noch wie ein Buch „lesen“ – denn sie kannten deren in Vergessenheit geratene Bildsprache. Etwa jene der vielen „Vanitas“-Symbole auf den Sarkophagen, die für Vergänglichkeit stehen. Jede Darstellung verkündete Unterschiedliches: Ein Totenkopf mit fehlendem Unterkiefer stand für die Vergänglichkeit des Menschen, Totenköpfe mit Unterkiefer symbolisierten die Ewigkeit.

Sieht man auf einem der Sarkophage den Totenengel, der eine erloschene Kerze in der Hand hält, steht man vor einer Darstellung, die im 18. Jahrhundert als Zeichen für tiefste Trauer galt. Die Menschen der Barockzeit wussten also, dass hier jemand ruht, dessen Verlust schmerzlich betrauert wird. Zu sehen ist der Totenengel etwa auf dem Sarg von Isabella von Bourbon-Parma, die geliebte erste Ehefrau von Kaiser Joseph II., die 1763 im Alter von 21 Jahren an den Folgen einer Fehlgeburt starb.

Aus lauter Liebe gemeinsam in einem Sarkophag
Auch von großen militärischen Erfolgen „erzählen“ manche Särge: Hier liegt ein großer Kriegsherr!“, verkünden die Details des reich geschmückten Sarkophags Kaiser Josephs I. (1678-1711), den Johann Lucas von Hildebrandt entworfen hat. Er ist mit zahlreichen Details geschmückt, die keinen Zweifel daran lassen, dass dieser Kaiser – unter anderem im Spanischen Erbfolgekrieg – militärische Verdienste erwarb.

Auch der imposanteste Sarkophag der Kapuzinergruft, der riesige Doppelsarkophag von Kaiserin Maria Theresia und Kaiser Franz Stephan, trägt eine ganze Erzählung auf seinem Außenschmuck. Die Herrscherin gab ihn bereits 30 Jahre vor ihrem Tod in Auftrag. Wie in einem Buch liest man aus ihm: An den Seitenwänden sind die bedeutendsten Erfolge ihrer Herrschaft dargestellt. Vier schöne weibliche Genien zieren außerdem die Ecken des Sarkophags der großen Habsburgerin Maria Theresia. Genien waren ursprünglich Ahnengeister im alten Rom, die über ihre Nachkommen wachten. Im Laufe der Zeit entwickelten sie sich zu einer Mischung aus Schutzgeistern und Totenengel. Einer dieser Ahnengeist hält die böhmische Krone in Händen.

Das kleinste Särglein in der Kapuzinergruft widerlegt die oft kolportierte Annahme, dass Menschen früherer Zeiten einen nüchternen Zugang zum Tod von Kindern gehabt hätten, weil dieser allgegenwärtig war. Für sein Töchterchen Maria Christine, die im sechsten Schwangerschaftsmonat zur Welt kam und nur wenige Stunden lebte, ließ Kaiser Joseph II. einen winzigen Sarkophag anfertigen, der alle Attribute trug, die einer Kaisertochter würdig waren.

Übrigens: Zur letzten Ruhe gebettet wurden die Habsburger in jener Ordnung, die sie auch im Leben kannten. Die Männer lagen auf der rechten Seite, so wie sie zu Lebzeiten in der Kirche auf der rechten Seite des Altars Platz genommen hatten, der „Epistelseite“. Die Habsburgerinnen wurden auf der linken Seite bestattet. Eine Ausnahme bildet der demonstrativ schmucklose Sarkophag von Kaiser Joseph II., ältester Sohn und Nachfolger von Maria Theresia.

Er grenzte sich auch im Tod von seiner Mutter ab, denn diese ruht mit ihrem Ehemann im prunkvollsten Sarkophag der Kapuzinergruft.

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