Etwas verspätet feierte James Blunt Dienstagabend vor rund 6000 Fans in der Wiener Stadthalle das 20-jährige Jubiläum seines erfolgreichen Debütalbums „Back To Bedlam“. Neben großen Emotionen und vielen Hits hatte er Landsmann Chesney Hawkes im Gepäck – der fast 35 Jahre nicht mehr in Österreich war.
In Wien werden derzeit die Tage der seltenen Gäste gefeiert. Vergangene Woche spielten Girlschool im Vorprogramm der britischen Heavy-Metal-Legenden Saxon und besuchten die Bundeshauptstadt das erste Mal seit 31 Jahren für ein Konzert. Getoppt wird diese Statistik von Chesney Hawkes. Der britische Senkrechtstarter, der mit „The One And Only“ 1991 als 19-Jähriger zum weltweiten One-Hit-Wonder wurde, war letztmals gar vor 34 Jahren zugegen. Die Erinnerungen an Wien sind positiv und am freien Tag vor der Show hat der heute 53-Jährige die Stadt erkundet. „Die App hat mir gesagt, dass wir 20.000 Schritte unterwegs waren“, lacht er vor dem Konzert im „Krone“-Interview, „wir waren beim Stephansdom, vor dem Rathaus und dann in einem Plattenladen, wo ich mir eine Platte der Tremeloes kaufte.“ Für Nichtwissende: Das war die in den späten 50er-Jahren gegründete Beat-Band seines Vaters Chip. Eigene Platten habe er nicht gesehen, „aber auch nicht danach gesucht“, wie er verschmitzt ergänzt.
Familienbande aus England
Das Blunt-Publikum habe ihn bei den bisherigen Tourstationen sehr respektvoll willkommen geheißen und auch die Wiener Stadthalle ist beim seltenen Gast schon früh gefüllt. Songs wie „Live Forever“, „I’m A Man, Not A Boy“ und „The Ballad Of Benny & Alice“ wollen anfangs nicht zünden, doch je mehr er von seinem knapp 45-minütigen Set spielt, umso besser groovt er sich mit den Fans ein. Die emotionale, seinem verstorbenen besten Freund Vic gewidmete Ballade „Loud“ überzeugt vollends, „Get A Hold Of Yourself“ bringt Rock-Feeling ins Programm und zwischendurch wird sympathisch gescherzt und es werden T-Shirts ans Publikum verteilt. Beim Klassiker „The One And Only“ hält es die durchaus zahlreichen Hawkes-Fans nicht mehr auf den Sitzen – wie schnell gut drei Minuten in 34 Jahren vergehen, wird manchen hier schmerzhaft gewahr. Auf der Bühne sitzt Chesneys jüngerer (aber älter aussehender) Bruder Jordan an den Drums, Sohnemann Indiana würgt die Gitarre und „sieht genauso aus, wie ich 1991“, lacht der Frontmann. Comeback gelungen, am 4. April folgt das Studioalbum „Living Arrows“ – dazu an anderer Stelle noch mehr.
James Blunt ist hierzulande ein ständiger Dauergast. Die letzte Wien-Show im Frühling 2022 war das erste große Stadthallen-Konzert nach zwei Jahren quälender Pandemie, dazwischen hat er gefühlt jede Bühne in den unterschiedlichen Landeshauptstädten in Beschlag genommen. Vielleicht ein Mitgrund, dass an diesem nebelig-nassen Dienstagabend nur 6000 Fans zur Jubiläumsshow kommen. Das Debütalbum „Back To Bedlam“ ist streng genommen zwar schon 21 Jahre alt, die Feierlichkeiten werden seitens des Blunt-Teams aber auch schon seit geraumer Zeit zelebriert. Von der ersten bis zur letzten Note exerziert er das Album und ruft noch einmal in Erinnerung, welch frische und unverbrauchte Farbe der einstige UN-Soldat damals in eine ideenlose britische Pop-Rock-Ära brachte. Für den Opener „High“ marschiert er seitwärts mit der Gitarre ein, die kundige Band steigt erst später ins Geschehen ein. Es folgen „You’re Beautiful“ und „Wisemen“, bevor er sich für „Goodbye My Lover“ ans Klavier setzt.
Der Schmäh rennt
„Die gute Nachricht für alle, die wegen ihrer Eltern oder Partnerinnen hierher mitgehen mussten: Vier der zehn Songs des Albums haben wir schon gespielt – ihr habt es also bald überstanden.“ In puncto Humor und Selbstironie kann Blunt im Musikbusiness niemand das Wasser reichen. Das kabarettistische Element ist einmal mehr besonders stark ausgeprägt und gibt den zumeist melancholischen und auch inhaltlich schweren Liedern positives Kontra. „Ich habe mir immer geschworen, niemals für ein James-Blunt-Konzert zu bezahlen. Und siehe da: Es hat geklappt, ich werde sogar dafür bezahlt. Dank euch kann ich mir ein nettes Haus in Ibiza leisten.“ Ganz im Gegensatz zu seinem eigenen Songmaterial ist Blunt privat ein Fan von EDM- und Dance-Musik. Das Robin-Schulz-Cover „OK“ wirkt gegen Ende des Sets aber nicht wie ein Fremdkörper, weil er es mit seelenvoller Inbrunst „bluntifiziert“ und damit erstmals einen Sinn gibt.
Den Großteil der „Back To Bedlam“-Songs habe er seit 18 Jahren nicht mehr live gespielt, dementsprechend lässt sich auch die markante Spielfreude erklären. „Out Of My Mind“ überzeugt mit einer schrägen 70er-Jahre-Keyboard-Einlage, beim funkigen „So Long, Jimmy“ spielt sich Blunt mit seiner vierköpfigen Band in einen Jam-Session-artigen Spielrausch. Die stärksten Momente sind bei Blunt aber immer dann zu finden, wenn er sein Innerstes nach außen kehrt und den Faserschmeichler gibt. „Carry You Home“, „Same Mistake“ und die intensive, an seinen Vater gerichtete Ballade „Monsters“ gehen tief unter die Haut und berühren besonders. Blunts originäres Stimmorgan schiebt sich ehrgeizig in krächzende Gegenden und beweist, dass das hier Vorgetragene ehrlich und unverfälscht ist.
Guter Aufbau, starker Zusammenhang
Zwischendrin rennt wieder der Schmäh. Die Ukulele beim unvermeidlichen „Postcards“ sorgt ebenso für gute Stimmung wie sein Hallenlauf während des Slade-Covers „Coz I Luv You“, bei dem seine Band ihre instrumentalen Fertigkeiten ins Rampenlicht stellen kann. Blunts sechstes Stadthallen-Konzert war möglicherweise sein Bestes. Die Setlist und der Aufbau erwiesen sich als stimmig und gut zusammenhängend. Emotionale und auflockernde Momente hielten sich zumeist gut die Waage und die eingangs in Blunt-Shirts eingekleideten Putins, Musks und wie sie alle heißen als polit-humorige Einlage auf den üppigen Videoscreens kann einmal mehr als Volltreffer bezeichnet werden. Man mag den 51-Jährigen als weichen Schmusesänger schimpfen, aber seine Songs sind authentisch und besitzen eine Wagenladung Herz. Blunt versteckt sich nicht hinter beißendem Zynismus, sondern stülpt seine Emotionen und Gedanken zugänglich nach außen. Von dieser offen zur Schau gestellten Verletzlichkeit bräuchte es mehr in dieser mechanisierten Welt voller verschönernder Filter.
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