88 Tage zwischen Hoffen und Bangen – und dann am Dienstag das Aufatmen: Der Sanierungsplan von KTM wird angenommen, die Gläubiger akzeptieren die 30-%-Quote. „Nach den letzten Tagen, die sehr aufregend waren, war das natürlich sehr erleichternd“, sagt Mattighofens Bürgermeister Daniel Lang. Doch zu sehr will man sich nicht freuen – das ist beim Lokalaugenschein in der Heimat von KTM spürbar.
Hinter dem Schreibtisch von Mattighofens Bürgermeister Daniel Lang hängt ein Kalender der Mattigtaler Fotoamateure. Und als ob es die Hobbyfotografen gewusst hätten, zeigt das Februar-Bild die KTM-Motohall und damit das Museum des Motorradherstellers, der in diesen Tagen erneut in den Fokus gerückt ist, weil das Sanierungsverfahren auf die Zielgerade bog.
Hilfe für KTM „bedeutet für andere schmerzhafte Einschnitte“
Am Dienstag dann die Erleichterung: Die große Mehrheit der Gläubiger stimmte dem Angebot des Innviertler Betriebs zu, verzichtet auf 70 Prozent der Schulden, erhält dafür eine 30-Prozent-Quote bis Anfang Juni. Mit knapp 600 Millionen Euro kann KTM damit den auf 2,23 Milliarden Euro gewachsenen Schuldenberg abtragen. Ein wichtiger Schritt im Kampf um das Unternehmen und die Arbeitsplätze. Eine Hilfe, „die für andere schmerzhafte Einschnitte bedeutet“, wie KTM-AG-Vorstandschef Gottfried Neumeister nach der Sanierungsplantagsatzung feststellte.
Ich hoffe, dass für die Insolvenz nicht der Steuerzahler geradestehen muss. Vor allem aber hoffe ich, dass die Arbeitsplätze gesichert sind. Weil wenn KTM nicht in der Region bleibt, bleibt hier nicht mehr viel über.
Gerhard Feichtenschlager aus Mattighofen
Bild: Pressefoto Scharinger/Daniel Scharinger
Auch die Stadt, in der KTM die Zentrale hat, hat als Gläubiger auf Geld verzichtet, um dem Leitbetrieb eine Zukunft zu ermöglichen. In die Erleichterung um die Annahme des Sanierungsplans mischen sich auch Bedenken hinein. „Nach den letzten Wochen, in denen wir so im Ungewissen waren, ist wieder eine gewisse Klarheit und Sicherheit da“, sagt Bürgermeister Daniel Lang, „aber natürlich ist da jetzt die Frage: ,Wer steigt als Investor ein?‘“
Dass der Sanierungsplan angenommen worden ist, ist ganz wichtig für die Region. Aber jetzt geht’s auch darum, dass die Arbeitsplätze erhalten bleiben. Es hängen ja so viele Familien dran. Ich hoffe, dass es mit einem Investor klappt und der dann nicht langsam die Arbeitsplätze ins Ausland weiterreicht.
Waltraud Lindlbauer aus Lochen am See
Bild: Pressefoto Scharinger/Daniel Scharinger
Nachdem im Insolvenzverfahren 470 Kündigungen ausgesprochen worden sind, ist der Personalstand in der KTM-Gruppe auf 4400 Mitarbeiter geschrumpft, davon sind bei der KTM AG derzeit etwa noch 2000 Beschäftigte tätig.
Alle Teilnehmer am Investorenprozess sind an der Fortführung von KTM interessiert und nicht an einer Zerschlagung und nicht nur an einer Marke. Sie sind in jedem Fall interessiert, dass dieser Standort erhalten bleibt und das Unternehmen fortgeführt wird.
Gottfried Neumeister, Vorstandschef der KTM AG und der Pierer Mobility AG, nach der Sanierungsplantagsatzung
Dass durch den Einstieg eines Investors womöglich sogar eine Absiedelung von Produktion und Co. erfolgen könnte – diese Angst scheint beim Lokalaugenschein in Mattighofen allgegenwärtig. „Wenn KTM nicht in der Region bleibt, bleibt nicht mehr viel über“, sagte Gerhard Feichtenschlager aus Mattighofen. „Ich hoffe, dass es mit einem Investor klappt und der dann nicht langsam die Arbeitsplätze ins Ausland weiterreicht“, sinnierte Waltraud Lindlbauer aus Lochen am See. „Sondern, dass durch die Entscheidung für den Investor auch der Standort abgesichert wird“, so Walter Scharinger aus Mattighofen.
Die, die anonym bleiben wollten, entluden ihren Frust in Richtung Eigentümer Stefan Pierer, der für viele als der Sündenbock gilt, oder zeichnen ein düsteres Bild, was die Zukunft für den Standort und damit für die Tausenden Arbeitsplätze angeht. Ängste und Skepsis machen sich noch immer bei vielen breit.
50 Millionen Euro von Bajaj reichen bis Ende März
Stadtchef Lang denkt jetzt einmal an die nahe Zukunft, in der das Wiederhochfahren der Produktion in Mattighofen ansteht. „Dafür bereitet sich die Firma jetzt schon vor“, weiß er. 50 Millionen Euro, die die Produktion bis Ende März absichern, sind vom indischen Pierer-Partner Bajaj zugeschossen worden. Das Geld wurde am Mittwoch von KTM-AG-Sanierungsverwalter Peter Vogl an das Unternehmen weiter überwiesen.
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