Ein 30-Jähriger verlangte in der Zelle eine Haarschneidemaschine. Er bekam sie nicht und zuckte daraufhin vollkommen aus. Ein Bezirksinspektor aus Eisenstadt landete sogar im Krankenstand.
Wenn es vor Gericht um die Einweisung in ein forensisch-therapeutisches Zentrum geht, wenn also die Person zum Tatzeitpunkt möglicherweise nicht zurechnungsfähig war, hat man den Angeklagten „Betroffener“ zu nennen. Am Mittwoch saß ein 30-Jähriger vor dem Schöffensenat in Eisenstadt, geboren in Casablanca, seit 2015 in Österreich. Warum er denn eine Vielzahl an Alias-Namen angegeben habe, wollte die Vorsitzende wissen. „Wegen des Asylverfahrens“, sagte der Marokkaner, „um mehrmals einen Antrag stellen zu können.“ 40 Euro pro Monat stellte ihm der Staat zur Verfügung. Und zwar bis zur Verhängung der U-Haft, die ihn am 22. April 2024 ereilte. Er hatte randaliert und scheinbar grundlos einen Mann schwer verletzt.
Er wollte nur die Haare schön haben
Nur sechs Tage nach der Einlieferung in die Justizanstalt verlangte er nach einer Haarschneidemaschine. Die wurde aber zu diesem Zeitpunkt von einem anderen Insassen verwendet. „Es entwickelt sich bei ihm ein Crescendo aus dem Nichts heraus“, so Gerichtspsychiater Manfred Walzl, der eine akut polymorphe psychotische Störung diagnostizierte. „Wie wenn auf einen roten Knopf drückt, dann startet die Rakete.“
Unvorstellbare Kräfte
Der 30-Jährige begann in der Zelle zu schreien. Malträtierte mit Fäusten und Füßen das Waschbecken. Stieß den Kopf gegen die Stahltüre. Vier Justizwachebeamte rückten an. Fixierten den Rasenden am Boden. Entkleideten ihn. Zogen ihm ein reißfestes Nachthemd an, das er prompt zerstörte. Einen Streifen zog er um den Hals und versuchte, sich zu suizidieren. Die Hände wurden hinter dem Rücken fixiert – er schlüpfte durch und startete mit den Handschellen den nächsten Selbstmordversuch. Er zerriss einen Transportgurt. „Unvorstellbar, woher man so viel Kraft haben kann“, sagte ein Beamter. Der Häftling trat um sich, ein Bezirksinspektor trug einen Meniskuseinriss davon: Operation! Krankenstand!
Der „Betroffene“ führte sein Verhalten auf Medikamente zurück, die er nicht gewohnt war. „Ich neige nicht zu Aggressivität“, sagte er, ehe sich der Schöffensenat für die Einweisung inklusive Therapie aussprach.
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