(Bild: KMM)

Falsche Annahme

Wie das Attentat von Sarajewo zum Weltkrieg führte

Am 28. Juni 1914 wurde der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo ermordet. Was genau geschah in den Tagen danach? Sicher ist: Was als kurzer Balkankrieg als Reaktion auf die Ermordung Franz Ferdinands geplant war, entwickelte sich zum Ersten Weltkrieg mit zehn Millionen Toten. 

Am 28. Juni 1914 befindet sich Kaiser Franz Joseph wie jedes Jahr in Bad Ischl. Die Innenpolitik verläuft turbulent wie immer, der Reichsrat ist wieder einmal geschlossen worden. Dennoch ist man in den vergangenen Jahren in entscheidenden Schritten weitergekommen. Man hat wichtige nationalpolitische Teillösungen gefunden, die die k.u.k. Monarchie stabilisieren: 1905 und 1911 kam es zu Ausgleichsbestimmungen mit Mähren und der Bukowina, 1914 wurde ein Ausgleich in Galizien paktiert und auch in Böhmen zeichnen sich Lösungen ab.

Kaiser Franz Joseph war knapp 84 Jahre alt und bereits 66 Jahre auf dem Thron, als sein Thronfolger ermordet wurde.  (Bild: akg-images / picturedesk.com)
Kaiser Franz Joseph war knapp 84 Jahre alt und bereits 66 Jahre auf dem Thron, als sein Thronfolger ermordet wurde. 

Selbst in sozialpolitischer Hinsicht gibt es positive Zeichen am Horizont: Ein großes Sozialversicherungsgesetz nimmt immer deutlicher Gestalt an. Kurz, der alte Kaiser konnte zufrieden sein, denn trotz aller Spannungen verfügt der Vielvölkerstaat doch über eine enorme Fähigkeit zur Konfliktregulierung. 

Doch dann werden sein Neffe, der Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie am 28. November 1914 in Sarajewo von einem 19-jährigen Gymnasiasten namens Gavrilo Princip ermordet und damit ist das Requiem für das sechshundertjährige Habsburgerreich eingeläutet.

28. Juni 1914: Thronfolger Franz Ferdinand und seine Ehefrau Sophie verlassen den Zug.  (Bild: ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com)
28. Juni 1914: Thronfolger Franz Ferdinand und seine Ehefrau Sophie verlassen den Zug. 

Wie reagieren auf die Ermordung des österreichischen Thronfolgers?
Unmittelbar nach dem Attentat wird in Wien beschlossen, militärische Schritte gegen Serbien einzuleiten. Denn hier steht von Anfang an fest, dass man die Drahtzieher in Belgrad suchen müsse und der Anschlag als ein Angriff auf die Monarchie zu werten sei. Die Entscheidung für einen Krieg fällt schnell, schon in den ersten Tagen nach Franz Ferdinands Ermordung. Nach zahlreichen Gesprächen und offiziellen Beratungen sind sich die Minister, der österreichische Ministerpräsident und der Generalstabschef einig: Ein militärischer Schlag gegen Serbien ist unvermeidbar. Kaiser Franz Joseph empfängt sämtliche Politiker, Militärs und Diplomaten, lässt sich deren Meinungen vortragen – und unterstützt schließlich die Kriegsoption.

Das Ehepaar im Auto, sie haben ein enges Besuchsprogramm vor sich. (Bild: ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com)
Das Ehepaar im Auto, sie haben ein enges Besuchsprogramm vor sich.

Geplant ist ein lokaler Krieg, der die serbischen Hoffnungen auf die südslawischen Gebiete der Donaumonarchie ein für alle Mal zerstören soll. Gleichzeitig will man die österreichisch-ungarische Großmacht- und Vormachtstellung auf dem Balkan verteidigen. Die Gefahr eines Krieges mit Russland wird in Kauf genommen, obwohl die meisten Entscheidungsträger hoffen, dass sich der russische Zar bei einer Vergeltungsaktion für einen Fürstenmord zurückhalten werde. Diese Meinung wird auch vom Bündnispartner in Berlin geteilt – und soll sich als fatale Fehleinschätzung erweisen.

Auf dem Weg zum Rathaus von Sarajewo (Bild: ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com)
Auf dem Weg zum Rathaus von Sarajewo

Serbien soll ein Ultimatum vorgelegt werden
Endgültig besiegelt wird die Kriegsentscheidung nach dem berühmten deutschen „Blankoscheck“ vom 5. Juli 1914. In zwei Ministerratssitzungen in Wien – am 7. und am 19. Juli – plant man die Vorgehensweise: Eine Untersuchung in Bosnien soll Beweise dafür erbringen, dass die serbische Regierung am Attentat auf den Thronfolger beteiligt war. Die Beweise würde man dann zusammen mit einem Ultimatum an Serbien den europäischen Großmächten vorgelegen.

Bereits am 23. Juli wird der serbischen Regierung dieses Ultimatum übergeben. Es ist auf 48 Stunden begrenzt, bewusst scharf formuliert und enthält folgende Forderungen: die Unterdrückung der österreichfeindlichen Propaganda, die Auflösung von österreichfeindlichen Geheimorganisationen sowie die Mitwirkung von österreichisch-ungarischen Beamten bei der Untersuchung der Spuren des Attentats in Serbien. Den letzten Punkt lehnt die serbische Regierung am 25. Juli 1914 ab, mit dem Hinweis, er verletze die Unabhängigkeit des Landes. Daraufhin bricht die Donaumonarchie sämtliche diplomatischen Beziehungen zu Serbien ab.

Es geht um die südslawischen Gebiete der Habsburgermonarchie
Noch am selben Tag ordnet Serbien die Generalmobilmachung an – nachdem Russland seine militärische Unterstützung zugesagt hat. Drei Tage darauf, am 28. Juli, erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Und nun setzt ein fataler Bündnisautomatismus ein, der dazu führt, dass sich innerhalb von nur wenigen Wochen bereits zehn Staaten im Krieg befinden. Keine der europäischen Großmächte war akut gefährdet, trotzdem entschieden sich alle für einen großen Krieg.

Warum Kaiser Franz Joseph ein derart großes Risiko einging, erklärt ein Blick auf die Balkanpolitik Österreich-Ungarns in den Jahren vor 1914. Schon seit der Jahrhundertwende hatten sich die Beziehungen zum Nachbarn Serbien zunehmend verschlechtert, vor allem durch den Zollkrieg von 1906 und die Annexion Bosnien-Herzegowinas. Zudem meldete Serbien immer lauter seinen Anspruch auf die südslawischen Gebiete der Habsburgermonarchie an und wurde darin von Russland bestärkt. Aus den beiden Balkankriegen der Jahre 1912 und 1913 – die zu großen Grenzverschiebungen auf dem Balkan führten – war Serbien jedes Mal als Sieger hervorgegangen und hatte seine Staatsfläche verdoppelt.

Die blutbefleckte Uniformjacke des ermordeten Thronfolgers (Bild: ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com)
Die blutbefleckte Uniformjacke des ermordeten Thronfolgers

Es gab keinen Plan für die hochexplosive Balkanpolitik
In den letzten Monaten vor dem Ausbruch des Krieges versuchte Österreich-Ungarn noch, Serbien auf diplomatischem Weg zu isolieren und den wachsenden russischen Einfluss auf dem Balkan zu stoppen. Die nationalistischen Kreise Serbiens und Russlands wurden als Gefahr für die Doppelmonarchie gesehen. Die europäischen Großmächte, die zwar offiziell das Pulverfass Balkan nicht anrührten, aber sehr wohl hinter den Kulissen taktierten, konnten sich bis zum Juni 1914 auf kein Konzept für die hochexplosive Balkanpolitik einigen.

Franz Ferdinand und Sophie aufgebahrt in Sarajewo (Bild: Scherl / SZ-Photo / picturedesk.com)
Franz Ferdinand und Sophie aufgebahrt in Sarajewo

Bis zum Attentat auf den Thronfolger Franz Ferdinand hatte Österreich-Ungarn so gut wie alles getan, um einen Krieg gegen Serbien zu vermeiden – aus zwei Gründen: Erstens hatte die Donaumonarchie keine wirklichen Kriegsabsichten – man wollte lediglich, dass Serbien aufhörte, Gebietsansprüche an Österreich-Ungarn zu stellen und das Land zu destabilisieren – und dieses Ziel wollte Kaiser Franz Joseph auf friedlichem Weg durchsetzen, er hatte jahrelang alle Kriegshetzer in ihre Schranken verwiesen. Zweitens befürchtete man stets, dass ein Krieg zum Zerfall der Monarchie führen könnte, weil man nicht sicher war, wie die Nationen im eigenen Vielvölkerstaat und die europäischen Großmächte darauf reagieren würden. Außerdem hatte Österreich-Ungarns Bündnispartner Deutschland bisher seine Unterstützung für einen solchen Krieg verweigert.

Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers änderte jedoch alles. Mit diesem Attentat war der Grundpfeiler der Monarchie – die Dynastie – angegriffen worden, und die serbische Regierung distanzierte sich nicht deutlich genug von der Tat. In dieser Situation bestätigte der deutsche Blankoscheck die Wiener Regierung letztlich nur in ihrer Meinung von der Notwendigkeit eines Krieges. Der Weg in den Untergang war eingeschlagen.

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