(Bild: KMM)

Wie war das möglich?

Chaos 1918: Trotz Kriegsende gefangengenommen

Am 3. November 1918 schlossen Österreich-Ungarn und die siegreiche Entente den Waffenstillstand. Der Erste Weltkrieg war zu Ende. Doch das österreichische Armeeoberkommando verschuldete noch die Gefangennahme von 360.000 k. u. k. Soldaten. Sie fielen kampflos in alliierte Kriegsgefangenschaft.

Der Erste Weltkrieg endete nach mehr als vier Jahren für die k. u. k.‑Soldaten in einer Villa in Italien. Am 3. November 1918 unterzeichneten in der Villa Giusti nahe Padua Österreich-Ungarn, einer der Kriegsverlierer, und die siegreichen Entente-Mächte einen Waffenstillstand. Die k. u. k. Delegation musste alle Bedingungen der Siegermächte sofort annehmen, andernfalls würden die Waffenstillstandsverhandlungen sofort abgebrochen.

Zu diesen Bedingungen zählten die sofortige Einstellung aller Feindseligkeiten sowie die Räumung folgender Gebiete: Tirol bis zum Brenner, das Tarviser Becken, das Pustertal bis Toblach, das Isonzogebiet, Istrien, die Hafenstadt Triest, der Westkrain und Dalmatien samt aller Inseln. Den alliierten Streitkräften musste zudem freie Bewegung auf österreichischem Boden und die Freilassung aller alliierten Kriegsgefangenen zugesagt werden, außerdem war die Armee bis auf 20 Divisionen abzurüsten.

Unterzeichnet hatten diesen Waffenstillstand auf österreichischer Seite ranghohe Vertreter des Armeeoberkommandos Österreich-Ungarns, den Vorsitz der Waffenstillstandskommission führte General Viktor Weber von Webenau.

Nicht die Republik, sondern noch die Monarchie war verantwortlich
Der Waffenstillstand wurde 13 Tage, nachdem sich die Abgeordneten der deutschen Wahlkreise zu einer provisorischen Nationalversammlung Deutschösterreichs konstituiert hatten, und vier Tage, nachdem die provisorischen Nationalräte mit der monarchischen Verfassung gebrochen und somit einen neuen Staat auf dem Boden der deutschsprachigen Gebiete der Monarchie gegründet hatten, geschlossen. Die neue österreichische Übergangsregierung hatte keinerlei Mitwirkung und Mitverantwortung an den Bedingungen des Waffenstillstands, dieser wurde noch von den militärischen Verantwortlichen der Monarchie geschlossen.

Das Armeeoberkommando hatte nach der Unterzeichnung noch die Gefangennahme von hunderttausenden Soldaten verschuldet. Denn der Waffenstillstand trat erst 24 Stunden nach der Unterzeichnung in Kraft, das Armeeoberkommando hatte die Einstellung der Feindseligkeiten jedoch unmittelbar nach der Unterzeichnung angeordnet. So fielen in den letzten 24 Stunden vor dem Kriegsende für Österreich noch 360.000 k. u. k. Soldaten kampflos in alliierte Kriegsgefangenschaft.

Ehemalige k.u.k. Soldaten bei ihrer Ankunft auf dem Wiener Südbahnhof nach dem Ende ihrer Gefangenschaft (Bild: Austrian Archives / brandstaetter images / picturedesk.com)
Ehemalige k.u.k. Soldaten bei ihrer Ankunft auf dem Wiener Südbahnhof nach dem Ende ihrer Gefangenschaft

Bis zum endgültigen Friedensvertrag sollte aber noch fast ein Jahr vergehen; dieser wurde erst am 10. September 1919 in St. Germain unterzeichnet. Diesmal waren es aber nicht mehr die Vertreter der alten, österreichischen Ordnung, die unterzeichneten, sondern eine Delegation der neugewählten österreichischen Regierung.

Gefallene und Vermisste, Kriegsinvaliden und Traumatisierte
Die Opferbilanz unter den Soldaten war verheerend und deckte dennoch nicht das vollständige Ausmaß des Elends ab: Von den etwa zehn Millionen k. u. k. Soldaten, welche in der Habsburgermonarchie einberufen wurden, waren Schätzungen zufolge nach Kriegsende eine Million tot, zwei Millionen wurden verwundet.

Rechnet man diese Zahlen grob auf das heutige Österreich um, so kommt man auf etwa 180.000 bis 190.000 Gefallene und Vermisste. In der neuen Republik wurden zudem über 100.000 Kriegsinvaliden gezählt. Diesen stand zwar eine Kriegsversehrtenpension zu, sie reichte aber angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Situation im Nachkriegsösterreich in vielen Fällen nicht zum Überleben. Unzählige versehrte ehemalige Soldaten konnten sich und ihre Familien nicht mehr ernähren und so mancher, der für Kaiser und Vaterland in den Krieg gezogen war, wurde nun zum Bettler.

Zuerst kämpften sie für das Vaterland, dann waren sie auf Almosen angewiesen. Versehrte ehemalige Soldaten, die betteln mussten, waren nach dem Ersten Weltkrieg überall zu sehen. (Bild: ullstein bild / Ullstein Bild / picturedesk.com)
Zuerst kämpften sie für das Vaterland, dann waren sie auf Almosen angewiesen. Versehrte ehemalige Soldaten, die betteln mussten, waren nach dem Ersten Weltkrieg überall zu sehen.

Völlig negiert wurde das Leid der psychisch schwer traumatisierten Soldaten. Angesichts des vielfach sichtbaren Elends blieb kein Platz, sich auch noch mit dem Schicksal der „Kriegszitterer“ oder „Kriegsneurotiker“ auseinanderzusetzen: Jene vormals gesunden Männer, die aufgrund ihrer traumatischen Erfahrungen im Feld nun an chronischen Zitteranfällen, Angstzuständen, Krämpfen und dergleichen litten, und die im allgemeinen Elend der Nachkriegszeit keinerlei Hilfe erfuhren.

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