Achtung, jetzt kommt zur Abwechslung einmal etwas wirklich Positives von der Pandemie: das „Überlebensbuch“ von Jugendlichen für Jugendliche. Wiener Schüler haben sich mit Forscherinnen von der Uni Wien auf Spurensuche gemacht, wie sie die Krise eigentlich gerockt haben und welche Tipps davon sie Gleichaltrigen für zukünftige schwere Zeiten mitgeben können. Hut ab!
Alles geschlossen, der Unterricht – wenn überhaupt – online und die Freunde konnte man auch selten bis gar nicht treffen: „Das hat irgendwie keiner so richtig glauben können, dass das jetzt real ist“, sagen die Schülerinnen Leonie und Miriam, „das war ganz schön krass.“ Und ihre Klassenfreunde: „Es war eine ziemliche Umstellung vom Leben. Es hat eine Weile gebraucht, bis man sich daran gewöhnt hat.“
Ja, die Lockdowns waren eine Herausforderung, besonders für Kinder und Jugendliche. „Viele erlebten soziale Probleme, körperliche Veränderungen und psychische Belastungen, deren Folgen teilweise bis heute andauern“, weiß Soziologin Ulrike Zartler von der Universität Wien. Sie und ihr Forschungsteam haben das Wissenschaftsprojekt mit den Teens durchgeführt.
„Als die Pandemie begonnen hat, waren wir alle sehr gespannt, wie unser Lebensweg in der Zukunft weitergeht und ob das normale Leben weiterhin besteht“, erinnern sich etwa die Schulkollegen Alex und Julia zurück. „Nach und nach hab ich dann gemerkt, wie das immer ernster und ernster wird“, erzählt auch eine ihrer Mitschülerinnen.
Das hat irgendwie keiner so richtig glauben können, dass das jetzt real ist. Das war ganz schön krass.
Leonie und Miriam
Zartler nickt: Die Jugendlichen mussten just „jene Lebensphase, in der eigentlich Autonomie und Eigenständigkeit entwickelt werden und eine Ablösung von den Eltern erfolgt, zu einem guten Teil in einer Art verordnetem Hausarrest gemeinsam mit ihren Eltern verbringen. Zusätzlich wurden ihre Bedürfnisse während der Pandemie kaum gehört.“
Für eine der Schülerinnen war die Zeit besonders schwierig, erzählt sie: „Ich musste noch umziehen, ich hatte eine andere Schule, Scheidung der Eltern noch dazu. Also das war für mich eigentlich richtig sch...e.“
Aber diese ganzen Dinge sind eben nicht alles, was von der Pandemie geblieben ist: „Die Jugendlichen haben in dieser Zeit auch viele Erfahrungen gesammelt und neue Kompetenzen gewonnen“, sagt die Soziologin: „Sie haben digitale Fähigkeiten erweitert, sich selbständig organisiert und kommunikative Kompetenzen gestärkt.“
Für manche war die Zeit auch „ein Motor für Resilienz: Sie haben gelernt, sich an die pandemiebedingten Einschränkungen anzupassen, kreative Umgangsweisen mit Belastungen und neue Problemlösungsstrategien zu entwickeln“.
Viele Jugendliche verbuchen die Pandemie als „gestohlene Zeit“. Zugleich haben sie viele Erfahrungen und Kompetenzen gewonnen, die sie für andere Krisen nutzen können.
Soziologin Univ.-Prof. Dr. Ulrike Zartler, Universität Wien
Bild: Jöchl Martin
Und diese Kompetenzen wiederum können Kindern und Jugendlichen auch in anderen Krisen bzw. zu deren Bewältigung anwenden. Wie konkret das geht, haben Zartler und ihr Team erforscht.
Reflexion plus Playlist, Bucket-List und Co.
Beim Diskus in zahlreichen Workshops zum Thema mit den mehr als hundert Jugendlichen ist dann der „Survival Guide“, sprich: ein „Überlebensbuch“, von Jugendlichen für Jugendliche, herausgekommen.
Und der ist nicht nur bunt und altersgerecht gestaltet, sondern umfasst auch die verschiedensten Bereiche rund um die Pandemie bzw. deren „Überleben“.
So haben die Jugendlichen etwa verschiedene Pandemie-Typen von Menschen herausgefiltert, die besten Apps, Filme, Serien und Buchtipps für eine Krise gesammelt, Pandemie-Playlists zum Entspannen und Vertreiben schlechter Gedanken zusammengestellt, Rezeptideen gesammelt usw.
Auch Anregungen, wie z. B. eine Bucket-List für die Zeit nach einer Krise zu erstellen, um sich auch „in schwierigen Zeiten wieder auf etwas freuen zu können“, wurden gemeinsam ausgearbeitet.
Für mich war es wirklich auch eines der schwierigsten Kapitel, das man im Leben erfahren musste. – Irgendwo gehört es aber auch dazu, weil wenn ich das nicht miterlebt hätte, wäre ich nicht die Person, die ich jetzt bin.
Schülerinnen und Schüler
Und die Teenager haben auch fünf „Golden Guidelines“ für das Überleben zusammengefasst:
1. Struktur schaffen: Dazu gehört etwa Routinen entwickeln, Zeitpläne erstellen, Tagesstruktur etablieren, Zimmer aufräumen usw.
2. Selbstfürsorge betreiben: Hier stellt man sich die Frage, was einem ein gutes Gefühl bringt, z. B. Musik, Entspannung, Atemübungen, negative Gedanken aufschreiben und andere Perspektiven entwickeln.
3. Emotionale Unterstützung holen: also schauen, mit wem kann ich über Gefühle, Sorgen bzw. Themen, die mich gerade beschäftigen, sprechen – von der Familie über Freunde (in Lockdown-Zeiten etwa digital) bis hin zu Haustieren ist hier individuell Potenzial da.
4. Lernstrategien entwickeln: Hier heißt es etwa, Ordnung schaffen, gut planen, To-Do-Listen erstellen, Unterstützung holen, regelmäßig mitlernen.
5. Freizeit aktiv gestalten: Auch wenn u.a. Einrichtungen gesperrt und Freundetreffen verboten sind, kann man kreativ sein und sich bewegen, Spiele spielen, kochen, lesen, Zeit in der Natur verbringen, ein neues Hobby ausprobieren usw.
Und ganz wichtig, so betonen die Jugendlichen: nicht vergessen, dass jede Krise auch einmal vorbeigeht.
In der Pandemie ist alles irgendwie miteinander verschwommen. Sie ist irgendwie so ein Klumpen.
Schülerinnen und Schüler
Die Sache mit der „gestohlenen Zeit“
Denn ja: Was der Diskurs auch zeigte, war, dass Kinder und Jugendliche die Pandemie als „gestohlene Zeit“ empfinden, mit der sie viele enttäuschte Erwartungen verbinden. „Sie haben vieles versäumt, was nicht nachgeholt werden kann, wie Geburtstagsfeste, Familienfeiern, Prüfungen, Sportwochen, Vorspielabende, Fußballmatches und Abschlussevents, die nicht stattfinden konnten“, berichtet Zartler.
„Viele schöne Erinnerungen fehlen ihnen“, so die Soziologin. „Sie haben ihr Leben nach dem Motto ,Bis auf Widerruf‘ gelebt und sich daran gewöhnt, die Möglichkeit des Scheiterns immer schon mitzudenken.“ So erinnern sich die Jugendlichen etwa daran, wie sie auf besondere Momente zugegangen sind: „In drei Wochen feiere ich meinen Geburtstag - wenn nicht gerade Lockdown ist“.
Plötzlich wusste jeder, was Depressionen sind. Und plötzlich hatte jeder irgendwie diese Symptome und konnte das nachvollziehen. Das ist schon arg.
Schülerinnen und Schüler
Der „Klumpen“ von Pandemie
Für viele Schüler ist während Corona „alles irgendwie so richtig miteinander verschwommen. Die ganze Pandemie ist irgendwie so ein Klumpen“. „Manche verbinden auch ein Gefühl großer Langeweile mit der Pandemie und bedauern eben, sie hätten ,die Zeit verschwendet‘“, berichtet Zartler.
So sagt ein Schüler: „Ich glaube, ich hätte nicht so viel im Bett liegen sollen. Ich hätte mich mehr anstrengen sollen, auch auf mich selbst zu achten, mehr zu tun.“ Und ein Mädchen meint im Nachhinein: „Vielleicht hätte man sich mehr weiterbilden sollen.“
Das Schätzen der Pandemie
Aber das impliziert auch das Gegenteil: „Die Erfahrungen während der Pandemie haben auch dazu beigetragen, dass Jugendliche das Leben vor der Pandemie zu schätzen lernten“, sagt die Forscherin. Und viele der Jugendlichen betonen: „Mir war gar nicht bewusst, wie schön es früher war.“
Zartler: „Sie haben Angst und Unsicherheit erlebt, Wochen und Monate in einem permanenten Provisorium mit dauernd wechselnden Rahmenbedingungen gelebt. Sie haben die Welt als nicht steuerbar und völlig unvorhersehbar erlebt.“
Und die Teenager haben auch erfahren, wie wichtig Familie und Freunde sind: „Es ist so wichtig, dass man jemanden zum Reden hat“, sagt Sophia. „Ja“, sagt Maja, „und dass es nicht immer die Eltern sind. Ich habe eine Freundin, der kann ich alles sagen. Und da konnte ich mich auch wirklich zurückziehen und mit ihr über alles reden.“
Das Verständnis durch die Pandemie
Auch problematische Entwicklungen „an sich selbst oder in ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld“ haben sie erlebt. Und so ist wohl auch das Verständnis für psychische Erkrankungen ist gewachsen. „Plötzlich wusste jeder, was Depressionen sind“, erzählen die Teenager: „Und plötzlich hatte jeder diese Symptome irgendwie und konnte das auch nachvollziehen. Das ist schon arg.“
Das Verständnis für die Pandemie
Das hatte auch Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung: „Viele Jugendliche fragen sich heute auch: ,Wer wäre ich, wenn es die Pandemie nicht gegeben hätte? Wie hätte ich mich entwickelt?‘“, betont die Soziologin. „Gleichzeitig sehen sie auch, dass die Pandemie ein wichtiger Teil ihrer Biografie ist“, weiß Zartler. „Irgendwo gehört es auch dazu“, sagen die Teenager, „weil wenn ich das nicht miterlebt hätte, dann wäre ich nicht die Person, die ich jetzt bin.“
Trotz aller negativen Aspekte haben Jugendliche während der Pandemie gesehen, dass Krisen gemeinsam bewältigt werden können und dass solidarisches Handeln sinnvoll ist.
Soziologin Univ.-Prof. Dr. Ulrike Zartler, Universität Wien
Bild: Jöchl Martin
Die Aufarbeitung nach der Pandemie
Projekte wie diese zur Reflexion und Auseinandersetzung der Pandemie im Nachhinein, auch zum besseren Verarbeiten des Ganzen, sind generell leider nach wie vor rar gesät, bedauern Experten aus den verschiedensten Bereichen. Die Jugendlichen würden sich jedenfalls in künftigen Krisenzeiten gleich von Beginn an eine bessere Berücksichtigung auch ihrer Gruppe mit niederschwelligen und kostenlosen Hilfsangeboten, zugänglichen Sportangeboten und Bildungschancen für alle wünschen.
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