Sehnsucht nach Nähe

Warum wir genug vom digitalen Leben haben

Leben
04.04.2025 07:00

In einer Welt, die immer digitaler wird, sehnen sich immer mehr Menschen nach realen Begegnungen. Ob beim Dating, im Freundeskreis oder in der Familie – der Wunsch nach Gesprächen, Umarmungen und vor allem nach echter Nähe wächst. Plus: Was das neue Format U-Dating ist.

Der digitale Raum scheint den emotionalen und sozialen Bedürfnissen der Menschen nicht mehr gerecht zu werden. Es sind nicht nur die ständigen Online-Dates über Tinder, die abnehmen (siehe Interview unten), auch die Gespräche mit ChatGPT oder anderen Künstlichen Intelligenzen sorgen eher für mehr Einsamkeit als für Verbindung – so eine aktuelle Studie.

„Es wird immer deutlicher, dass virtuelle Kontakte echte Begegnungen nicht ersetzen können“, sagt die Psychologin Daniela Krammer im Gespräch mit der „Krone“. „Man kann mit tausend Personen virtuell befreundet sein und sich dennoch einsam fühlen. Diese Differenz zwischen der Online-Welt und der realen Welt spüren immer mehr Menschen.“

Die Expertin erklärt, dass digitale Freundschaften unaufwendiger erscheinen – ein Klick, und man ist verbunden, ein weiterer Klick, und man ist wieder allein. Diese Oberflächlichkeit führt dazu, dass echte Nähe und Verbundenheit auf der Strecke bleiben. „In der realen Welt braucht es Zeit, Geduld und tatsächliche Begegnungen, um Bindungen zu schaffen. Im digitalen Raum fehlt das. Beziehungen werden viel schneller abgebrochen, oft ohne ein echtes Gespräch.“

Psychologin Daniela Krammer (Bild: @elfenreich.eu)
Psychologin Daniela Krammer

Das Dilemma der Chat-Kommunikation
Doch nicht nur Freundschaften und Beziehungen leiden unter der digitalen Kommunikation, auch unsere Fähigkeit zur Empathie nimmt Schaden. Die Psychologin betont: „Empathie bedeutet, mit den Gefühlen eines anderen mitzufühlen und sich in seine Situation hineinzuversetzen. Das ist in einer textbasierten Kommunikation schwierig. Wenn uns jemand online irritiert oder beleidigt, können wir ihn einfach blockieren und müssen uns nicht weiter mit den Emotionen der anderen Person auseinandersetzen.“ Dies führt laut der Fachfrau dazu, dass viele Menschen Schwierigkeiten haben, Konflikte aufzulösen oder mit komplexen Emotionen umzugehen – vor allem dann, wenn diese nicht auf einem Bildschirm, sondern direkt gegenüber sichtbar wären.

Die Rückkehr zu echten Begegnungen
Inmitten dieser digitalen Flut gibt es jedoch einen klaren Trend: Die Menschen wollen wieder echte Begegnungen. Der Wunsch, das Smartphone beiseitezulegen, sich in ein Café zu setzen und die Menschen im echten Leben zu treffen, wird immer größer. „Es gibt diese besondere Energie, die in einem echten Gespräch entsteht. Der Körperkontakt, die Mimik, das Gefühl, in einem Raum zu sein – das kann keine noch so gut programmierte künstliche Intelligenz ersetzen“, erklärt die Expertin.

Singles melden sich immer weniger bei Tinder oder anderen Dating-Plattformen an, sondern wollen echte Begegnungen via Speed-Dating. (Bild: de Art - stock.adobe.com)
Singles melden sich immer weniger bei Tinder oder anderen Dating-Plattformen an, sondern wollen echte Begegnungen via Speed-Dating.

Besonders bei der jüngeren Generation, die mit Social Media und digitalen Medien aufgewachsen ist, zeigt sich ein wachsender Widerstand gegen das ständige Online-Sein. Apps wie Tinder, die einst als revolutionär galten, erleben inzwischen einen Abwärtstrend. Viele der sogenannten Generation Z suchen nicht mehr nach schnellen digitalen Flirts, sondern nach tiefgehenden, persönlichen Verbindungen. Es ist die Sehnsucht nach einer echten Bindung, die sich nicht über einen Bildschirm erzeugen lässt.

Kinder in der digitalen Welt
Dieser Trend zeigt sich nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Kindern und Jugendlichen. Die Niederösterreicherin weist auf die entscheidende Rolle der realen Begegnungen in der emotionalen und sozialen Entwicklung hin. „Wir können Empathie nur im Austausch mit einem echten Gegenüber lernen“, sagt sie. Digitale Begegnungen, die vor allem über Bildschirme stattfinden, können dieses Bedürfnis nicht vollständig erfüllen. Für die kindliche Entwicklung ist es besonders wichtig, dass Kinder die Welt nicht nur über virtuelle Erfahrungen wahrnehmen, sondern auch über ihre fünf Sinne – in der realen Welt. „Besonders bei jungen Kindern ist das Erleben der Welt mit allen Sinnen unerlässlich“, so die Psychologin. Der Bildschirm kann diese Sinne nur zu einem Bruchteil ansprechen.

Das Problem der KI-Kommunikation
Die aktuelle Entwicklung der Künstlichen Intelligenz, allen voran Systeme wie ChatGPT, verschärft diese Problematik weiter. Auf den ersten Blick mag es verlockend erscheinen, mit einer Maschine zu kommunizieren, die sich immer anpasst und nie müde wird. Doch die Fachfrau warnt: „Auch wenn die Interaktionen mit KIs wie ChatGPT immer realistischer werden, bleiben sie immer noch unvollständig. Menschen sind keine Maschinen, und echte Empathie kann nur zwischen zwei lebendigen Wesen entstehen. Was wir in diesen digitalen Begegnungen verlieren, ist das, was uns als Menschen ausmacht.“

Wie man das Gleichgewicht zwischen digitaler und realer Welt findet
Die Expertin rät dazu, ein gesundes Gleichgewicht zwischen der digitalen und der analogen Welt zu finden. „Digitale Medien sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Aber es ist entscheidend, sich immer wieder bewusst zu machen, wie viel Zeit man in welcher der beiden Welten verbringt“, sagt sie. Eine wichtige Strategie ist es, die virtuelle Welt gelegentlich auf „Standby“ zu schalten, um sich ganz der realen Welt und den echten Begegnungen zu widmen. „Jeder sollte sich hin und wieder eine Auszeit von der digitalen Welt gönnen. Das tut nicht nur der Seele gut, sondern hilft auch, die Verbindung zu sich selbst und zu anderen wiederzufinden.“

Interiew
„Wir legen Wert auf die Aspekte einer gesunden Beziehung“

Bei U-Dating geht es nicht um schnelles Verlieben auf Knopfdruck – sondern um echte Verbindung, tiefes Fühlen und bewusstes Kennenlernen. Beziehungscoach Korayem „Ray“ Razik hat das Format aus seinen eigenen Erfahrungen mit toxischen Beziehungen entwickelt. Im Interview mit der „Krone“ erklärt er, warum bei ihm nicht nur der Kopf, sondern auch Herz, Bauch und Sexualität mitreden – und warum sich immer mehr Singles nach genau diesem Zugang sehnen.

„Krone“: Wie ist die Idee zu U-Dating entstanden?
Korayem „Ray“ Razik: Die Idee zu U-Dating entstand aus meiner eigenen intensiven und oft toxischen Dating-Erfahrung. In meinen jungen Jahren hatte ich zahlreiche Beziehungen.

Was bedeutet bei U-Dating Verbindung aufbauen im Unterschied zu klassischem Smalltalk oder Speed-Dating?
Verbindung aufbauen bedeutet für mich weit mehr als ein nettes Gespräch oder einen flotten Smalltalk, wie man ihn bei Speed-Dating-Veranstaltungen erlebt. Bei U-Dating kommt nicht nur der Kopf (Gedanken) und das Äußere ins Spiel, sondern wir legen Wert auf die vier Aspekte einer gesunden Beziehung: Herz, Gedanken, Bauchgefühl und Sexualität. Wir gehen bewusst in die Tiefe, schauen auf mögliche Blockaden, Verletzungen, Traumata, Stress oder alte Glaubenssätze. Oft fehlt Menschen das Bewusstsein, wo sie sich selbst sabotieren. Bei U-Dating wird das sichtbar gemacht, reflektiert und dann Schritt für Schritt transformiert. So entsteht eine echte „Verbindung“, die eben mehr beinhaltet als das reine äußere Kennenlernen oder den kurzfristigen Rausch eines Matches.

Beziehungscoach aus Oberösterreich: Korayem „Ray“ Razik (Bild: Werner Harrer)
Beziehungscoach aus Oberösterreich: Korayem „Ray“ Razik

Wie reagieren die Menschen auf Ihr Angebot?
Die Leute merken, dass es hier um viel mehr geht als um oberflächliches Kennenlernen oder schnelles Speed-Dating. Sie erkennen, dass wir einen sicheren, geschützten Raum bieten, in dem sie an ihrem Innersten arbeiten können, bevor sie sich anderen wirklich öffnen. Weil wir diesen ganzheitlichen Ansatz verfolgen, sind viele sofort begeistert. Mittlerweile spreche ich nicht mehr nur Achtsamkeits-Fans an, sondern alle, die merken, dass ihnen beim Dating etwas Wesentliches fehlt – echte Verbindung zu sich selbst und zum Gegenüber.

Welche Veränderungen beobachten Sie bei Menschen, die an Ihren Events teilnehmen?
Die Veränderungen sind oftmals tiefgreifend. Am Ende eines einzigen Tages-Events sichtbar, dass bei den Teilnehmenden „etwas im Blick“ oder „in den Augen“ zu leuchten beginnt. Sie erkennen blockierende Glaubenssätze, Ängste oder alte Verletzungen und beginnen, diese bewusst zu bearbeiten. Einige erkennen erst durch unsere Workshops, dass sie zuvor in toxischen Mustern gefangen waren. Andere gewinnen neues Selbstvertrauen und lernen, gesunde Grenzen zu setzen. Viele berichten, dass sie nach der Teilnahme ein völlig neues Verständnis von Beziehungen, Liebe und Sexualität haben. Sie sagen zum Beispiel, dass sie plötzlich andere Menschen anziehen oder mit viel mehr Selbstvertrauen in ein Gespräch oder Date gehen. Selbst wenn sie bei U-Dating nicht direkt „den oder die Richtige“ finden, nehmen sie so viel Wissen und Selbsterkenntnis mit, dass sie im Alltag später eine liebevollere und gesündere Beziehung beginnen können. Außerdem haben wir jetzt unsere Paare-Events entwickelt, auch für jene, die sich bei uns kennengelernt haben und ein Paar geworden sind. Dort geht es dann um den nächsten Schritt: Wie bleibt man gemeinsam im Wachstum? Wie behält man die Freude und Tiefe in einer Beziehung bei?

Wissen Sie, wie viele Paare sich durch Ihre Events getroffen haben?
Ja, es sind bereits einige Paare entstanden, die sich über U-Dating gefunden haben. Eine genaue Zahl kann ich nicht nennen.

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