Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Wien gegen Stefan K. liest sich wie das Drehbuch eines Mafia-Films – dabei spielten sich die Szenen mitten in Wien ab. Bei einem Pressegespräch im Bundeskriminalamt werden tiefe Einblicke gewährt in die tobende Clan-Rivalität. Es geht um eine Bombe mitten im 16. Bezirk und zwei kolumbianische Auftragskiller.
Es sind beeindruckende Zahlen, die im Bundeskriminalamt präsentiert werden: 36 Tonnen Suchtgift. 82 Schusswaffen. 86 Millionen Euro Bargeld. Über 80 Ermordete weltweit. 23 Tatverdächtige wegen Mordes in Österreich. Das sind die Eckdaten der tobenden Clan-Rivalität zwei verfeindeter montenegrinischer Gruppierungen. Als Schauplatz wählen sie oft Wien.
„Ohne Rücksicht auf Menschenleben“
Auch im Fall von Stefan K., der sich am Dienstag wegen versuchten Mordes im Landl vor Geschworenen verantworten muss. Laut Anklage ist er Mitglied des Skaljari-Clans – verfeindet mit dem Kavac-Clan. Seit mittlerweile über zehn Jahren, als 200 Kilogramm Kokain in Athen verschwanden und daraufhin zwei Mitglieder ermordet wurden. Seitdem herrscht Krieg. „Diese Auseinandersetzung wird seither mit einer kaum vorstellbaren Brutalität und ohne Rücksicht auf andere Menschenleben geführt“, schreibt die Staatsanwaltschaft Wien.
Der bekannteste Fall in Österreich: die Figlmüller-Morde. 2018 wurden vor dem beliebten Schnitzelrestaurant in der Innenstadt zwei Männer erschossen, regelrecht hingerichtet. Es wird noch immer ermittelt.
Sprengsatz und kolumbianische Auftragskiller
Weniger erfolgreich waren glücklicherweise zwei Mordanschläge in Wien-Ottakring Anfang 2020, wie die Arbeitsgruppe „ACHILLES“ des Bundeskriminalamts aufdeckte. Das Ziel waren zwei vermeintlich führende Köpfe des Kavac-Clans. Einer von ihnen betreibt bis zum heutigen Tag ein Balkan-Restaurant in der Koppstraße. Bekannt ist dieser Mordkomplott lediglich aus entschlüsselten Krypto-Messenger-Diensten.
Keine Netflix-Serie ist so schlimm wie die Realität, die wir hier sehen.
Stefan Csefan, Leiter der Abteilung für organisierte Kriminalität im BKA
Bild: Bartel Gerhard
Am 22. Februar wurde in der Nähe dieses Lokals ein Sprengsatz deponiert – eine Bombe. „Das wäre eine Riesenkatastrophe gewesen. Da wäre die halbe Koppstraße weg gewesen“, sagt Dieter Csefan, Leiter der Abteilung für organisierte Kriminalität im Bundeskriminalamt. Weil der Zuständige „scheinbar nicht der große Bombenbauer war“, zündete sie nicht, informiert Daniel Lichtenegger, Leiter des Büros für Bekämpfung von Suchtmittelkriminalität.
Und auch der zweite Mordanschlag – in den der nun angeklagte Stefan K. als Observator involviert gewesen sei – ging grandios schief. Um sicherzugehen, engagierten die führenden Mitglieder des Skaljari-Clans Risto M. und David B. dieses Mal zwei kolumbianische Auftragskiller. Sie sollten die zwei Zielpersonen in dem Lokal in der Koppstraße erschießen. Die Anweisung war, „dass sie alle erschießen sollen. Der Schießer soll dorthin gehen und auf alles rund um ihn schießen“, konkretisiert die Staatsanwaltschaft Wien. Am Tatort waren die Kolumbianer wegen Kommunikationsproblemen aber zu spät ...
Kavac-Clan übte bereits Rache
Vor Gericht steht nun aber nur Stefan K. Warum? Sowohl Risto M. als auch David B., die Köpfe hinter den Mordanschlägen, wurden noch Ende 2020 vom Kavac-Clan ermordet. Ein kolumbianischer Auftragskiller starb offiziell an einer Pestizid-Vergiftung. „Dino I., der als operativer Leiter fungierte, wurde am 27. Februar 2024 in der montenegrinischen Stadt Bar nach einer Schussabgabe festgenommen. Gegen ihn liegt eine österreichische Festnahmeanordnung vor“, heißt es vom Bundeskriminalamt.
„Man hätte Taten verhindern können“
Zusammengestückelt sind diese Tatbestände aus Auswertungen von verschlüsselten Messenger-Diensten – die in Österreich nicht überwacht werden dürfen. „Wir sind abhängig von ausländischen Behörden. Man hätte auch Taten verhindern können, wenn wir diese Überwachung hätten“, kritisiert Andreas Holzer, Leiter des Bundeskriminalamts. „Wir müssen immer nacharbeiten“, erklärt Csefan. Auch der brisante Mordkomplott ist erst viel später ans Licht gekommen – dass es keine Toten gab, war nur der Schlampigkeit der Täter geschuldet ...
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