Massengrab entdeckt

Sind 150 Tote der Schlüssel zu Wiens Geschichte?

Wien
02.04.2025 13:14

150 tote Soldaten, hastig begraben unter wenigen Zentimetern Erde, könnten der Grund und Schlüssel zu Wiens Stadtgeschichte sein. Bei der Sanierung eines Sportplatzes im Bezirk Simmering sollten Mitarbeiter einer Baufirma einen „weltweiten und europäisch einzigartigen Fund“ machen.

Mit diesen Worten bezeichnet jedenfalls Veronica Kaup-Hasler, Stadträtin für Kultur und Wissenschaft, die Entdeckung am Mittwoch. Sie reiht sich damit ein in die einhellige Meinung der Archäologen, die an der Ausgrabung und Sicherung sowie Analyse des Fundes beteiligt waren und sind.

Knochenfund auf Sportplatz
Doch zu den Fakten: Ende Oktober des Vorjahres stieß man im Zuge von Sanierungen auf einem Sportplatz in der Hasenleitengasse auf eine Vielzahl an menschlichen Knochen – in weiterer Folge sollten Archäologen die Skelette von mehr als 150 Menschen zutage fördern. Die Personen waren in einem Massengrab von der Größe von 25 Quadratmetern regelrecht „entsorgt“ worden, viele lagen auf dem Bauch oder der Seite, Gliedmaßen waren mit denen anderer verschränkt. 

Dolch sollte Datierung eingrenzen
Erste Vermutungen, dass es sich um Funde aus dem Zweiten Weltkrieg oder etwa eine Pestgrube handeln könnten, wurden bald verworfen – konkret sollte einer der wenigen Beifunde, ein Dolch, zu einem Aha-Ergebnis führen. Denn im Zuge von Röntgenanalysen traten Verzierungen und Blutrillen an der noch erhaltenen Dolchscheide zutage, die eindeutig der Römerzeit zuzuordnen sind, also dem 1. bis 2. Jahrhundert n. Chr. 

Das Ungewöhnliche: Zu dieser Zeit waren Feuerbestattungen üblich, und keine Körperbestattung. Dies deutet auf einen massiven Zeit- und/oder Ressourcenmangel hin. 

Massengrab in Simmering

  • Gefunden wurden Skelette von mindestens 150 Menschen. 
  • Die Hälfte der Funde wurden bislang ausgewertet. Bislang handelt es sich ausschließlich um Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren.
  • Beifunde deuten darauf hin, dass es sich um Soldaten handelte. Die Toten waren mit über 1,70 Metern außergewöhnlich groß für die damalige Zeit.
  • Der Gesundheitszustand zu Lebzeiten war gut, nur wenige hatten Hinweise auf Infektionskrankheiten u.Ä.
  • Die Opfer wurden sehr bald nach ihrem Tod notdürftig bestattet – und hatten allesamt etwas gemeinsam: Sie hatten letztlich tödliche Verletzungen erlitten.
  • Das Spektrum der Verletzungen war groß. Die tödlichen Wunden stammten aus Kampfhandlungen im Zuge einer Schlacht. Beigebracht wurden die Verletzungen mit Dolchen, Schwertern, Lanzen, aber auch Distanzwaffen.

Donaukriege des Domitian
Als Zeitrahmen für den Tod der 150 Soldaten wurde schlussendlich die Zeit zwischen 50 und 120 bis 130 n. Chr. festgesetzt. Dies sei „eigentlich eine friedfertige Epoche“ gewesen, so Stadtarchäologe Martin Mosser. Im Zuge von Recherchen stieß man in Quellen schließlich auf die Donaukriege des Domitian, die von 86 bis 96 n. Chr. zwischen Römern und Germanen stattfanden, und die zu herben Verlusten bei den römischen Streitkräften führten. Berichtet wurde von der Vernichtung einer ganzen Legion. 

Herbe Niederlage Anlass für Legionslagerbau?
Das Massengrab und der Tod der zumindest 150 Soldaten weist jedenfalls auf das katastrophale Ende eines militärischen Einsatzes hin. Es ist außerdem der erste physische Beleg für Kampfhandlungen aus der Regierungsepoche von Kaiser Domitian.

Das Grab weist daher auch auf das Gebiet des heutigen Wiens als Schauplatz einer Schlacht hin. Die Niederlage könnte Anlass dafür sein, dass wenige Jahre später, nur rund sieben Kilometer vom Fundort des Massengrabes entfernt, das Legionslager Vindobona errichtet wurde, und damit die „Grundsteinlegung“ für das heutige Wien.

Die Forschungen und Untersuchungen gehen jedenfalls weiter. So sollen DNA- und Isotopenanalysen folgen, um Näheres zu den bestatteten Soldaten zu erfahren. Weitere Erkenntnisse will man in naher Zukunft veröffentlichen, hieß es.

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