Helmuth Tiefenbrunner sammelt historische Fotos, Sterbebilder und Schnappschüsse von Dorf-Originalen. Der Chronist hat über Jahrzehnte ein beachtliches Archiv aufgebaut. Besuch in einer Schatzkiste im Tiroler Oberland.
„Nach uns weiß das ja niemand mehr.“ Nachdenklich sitzt Helmuth Tiefenbrunner am Küchentisch, neben ihm seine Frau Luise. Gemeinsam verwaltet das Ehepaar heute einen Schatz, der Dorfgeschichte begreifbar macht.
Im Fall der Tiefenbrunners ist es die Geschichte von Nassereith. Doch die Kostbarkeiten in den akribisch administrierten Schachteln, Mappen und Kästen der Oberländer Sammler erzählen mehr als Regionalgeschichte. Sie berichten über eine Welt, in der Kinder fast den ganzen Sommer barfuß unterwegs waren. Eine Welt, in der Pferdefuhrwerke und Autos gemeinsam die staubigen Straßen nutzten und sich niemand eine Verkehrshölle vorstellen konnte. Es ist eine Welt, in der jeder den Bauern Franz kannte, der seine Sau fast jede Woche durchs Dorf trieb oder die Hedi, die immer vor dem Haus auf der Bank strickte.
Alles begann mit einer Wiedererkennung
„Du schaust auf das Bild und siehst eine Geschichte“, sagt Luise Tiefenbrunner und zeigt auf jene Postkarte, mit der alles angefangen hat. Das Bild erzählt die Geschichte von Spitzbuben, die ein Fotograf aus der Stadt auf der Suche nach Postkartenmotiven vor dem Hotel Post auf einer Bank sitzend fotografiert hat. Einer der Spitzbuben war Helmuth Tiefenbrunner. „Als ich diese Ansichtskarte Jahre später bei einer Ausstellung entdeckte, war meine Leidenschaft entfacht“, erzählt der heute 75-Jährige, wie er zum Sammler wurde.
Ich habe mich beim Motiv immer auf unser Dorf inklusive Fernpass beschränkt, sonst wäre das völlig ausgeufert.
Helmuth Tiefenbrunner
Der Nassereither hat in den vergangenen Jahrzehnten mehr als tausend Fotografien, 20 Koffer Dias und unzählige Postkarten zusammengetragen. „Ich habe mich beim Motiv immer auf unser Dorf inklusive Fernpass beschränkt, sonst wäre das völlig ausgeufert“, weiß Tiefenbrunner um die Notwendigkeit, sich selbst Grenzen zu setzen. Denn neben Landschaftsmotiven hat der Oberländer auch unzählige Sterbebilder in seinem Archiv. Und als wäre das nicht genug, war er selbst neben seinem Brotberuf als Kraftfahrer stets mit dem Fotoapparat zur Stelle, um Originale aus dem Dorf zu porträtieren. „Die Dorfleute sind wichtig.“ Das hat schon Tiefenbrunners Vater gesagt und in den 1930er Jahren viele abgelichtet.
20 Schilling für Rarität „keine Kleinigkeit“
Wenn heute der Sohn von der Jagd nach immer neuen Motiven und seltenen Postkarten erzählt, blitzt in seinen Augen jener Funke des Verlangens auf, der Sammler antreibt. „20 Schilling für ein besonderes Stück. Das war früher keine Kleinigkeit. Heute kostet die gleiche Postkarte wohl 20 Euro“, erzählt Tiefenbrunner und wirkt erleichtert, dass er das Kaufen mittlerweile sein lässt.
„Es ist genug“, sagt er und schaut zu seiner Frau. Der hat die Leidenschaft ihres Mannes in den vergangenen Jahrzehnten so einiges abverlangt. „Jeden Samstag auf Trödelmärkten unterwegs. Immer auf der Suche nach neuen Bilddokumenten“, weiß Helmuth um die Toleranz, die es da von der Partnerin braucht. Ohne sie gäb’s das Archiv heute so nicht.
200 Glasplatten in einer Küchenschublade
Aus der Zeit um 1890 stammen die ältesten Postkarten in der Sammlung Tiefenbrunner. „Es geht hinauf bis in die 1960er Jahre“, macht der Chronist das andere Ende fest. Doch ganz so streng ist er nicht, wenn es um ein besonderes Stück geht. „Du Helmuth, ich hab da was für dich“, beginnt so mancher Einheimische, wenn er am Dachboden oder im Keller eine alte Schachtel mit Fotos entdeckt.
Der Chronist erinnert sich noch gut an die Übergabe jener Küchenschublade mit 200 Glasplatten aus den 1930er Jahren, die er von einer netten Dame überantwortet bekommen hat. Auch wenn ihm Leute Bilder schenken, immer ist damit eine Verantwortung verbunden. Die spürt Tiefenbrunner heute mehr als früher. Etwa, wenn er für eine Ausstellung oder die Gemeindechronik etwas beisteuern soll. „Das ist viel Arbeit, man will ja was Gescheites zeigen.“
„Jetzt müssen andere die Geschichten erzählen“
Mittlerweile winkt der Herr der tausend Fotos lieber ab, wenn ihn jemand zu einem Ausstellungsprojekt überreden will. „Die Leute interessiert Dorfgeschichte sehr. Das ist wirklich schön zu erleben. Doch jetzt müssen andere das erzählen“, sehnt sich der Pensionist nun auch bei seinem Hobby nach mehr Ruhe. Was natürlich nicht heißt, dass im Hause Tiefenbrunner die alten Schätze verstauben. Nahezu täglich schauen Helmuth und Luise im kleinen Fotozimmer vorbei, archivieren, ordnen, suchen und finden. Es gibt immer was zu tun – und immer was zu entdecken.
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