Mittelschulen haben oft mehrfach zu kämpfen: gegen den Rückgang an Schülern und für ein besseres Image. Ein Lokalaugenschein in Mürzzuschlag zeigt, welche Herausforderungen warten – und wie sich Jugendliche gegen politische Kritik wehren.
Oberhalb des Brahmsmuseums liegt die Mittelschule Mürzzuschlag, seit 15 Jahren ist Johann Schellnegger hier Direktor. „Im Jahr 2010 hatten wir circa 400 Kinder an der Schule, aktuell zählen wir 102.“ Der massive Schwund ist auf mehrere Ursachen zurückzuführen, darunter den generellen Bevölkerungsrückgang. Von 2001 bis 2022 ist die Wohnbevölkerung in Mürzzuschlag um 19 Prozent zurückgegangen. Bei den unter-15-jährigen betrug das Minus sogar 40 Prozent!
„Wir haben die Situation analysiert, viele Gespräche geführt und gesehen, dass wir unsere Position ändern müssen. Wir waren in der Steiermark bei den allerersten dabei, die Notebook-Klassen eingeführt haben. Im Rahmen des Digitalisierungskonzeptes bieten das aber jetzt alle Schulen an, damit ist es nicht mehr so ein Zugpferd“, erklärt Schellnegger.
Neuer Schwerpunkt und Werbung für Lehrberufe
Daher hat man Verwandte, Bekannte und ehemalige Schüler gefragt, was sie sich von der Schule erwarten: Aus diesem Prozess hat sich ein Schwerpunkt entwickelt: Wirtschaft, Berufs- und Bildungsorientierung, IT und Technik. Eine erste Klasse hat damit begonnen.
Schellnegger: „Natürlich legen wir Wert darauf, die Kinder für berufsbildende Schulen oder die AHS gut vorzubereiten. Aber genauso bewerben wir den Übertritt in einen Lehrberuf. Ich habe bemerkt, dass Kinder sagen: ,I geh nur lernen‘ – also in die Lehre. Wir versuchen entgegenzuwirken und sagen den Kindern, dass Lehrberufe etwas ganz Attraktives sind.“
Bei uns ist der Unterricht ohne Probleme möglich. Nahezu alle Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache sind hier geboren.
Direktor Johann Schellnegger
An der MS Mürzzuschlag zeigt man sich bewusst, dass es Probleme gibt. Das Lernniveau sei heterogen, „es gibt verschiedene Leistungsebenen, für die wir immer wieder Lösungen finden“, so Peter Koch, der seit seinem Rücktritt als Brucker Bürgermeister 2022 in Mürzzuschlag Lehrer ist. Ab 2006 ist der Anteil der Schüler mit nicht deutscher Muttersprache in der Steiermark stark gestiegen: von 7,7 auf 18,6 Prozent (2023).
„Es geht nicht um Sprache, sondern um die Einstellung“
Wie ist die Situation in Mürzzuschlag? „Bei uns ist der Unterricht ohne Probleme möglich. Nahezu alle Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache sind hier geboren. Sie sprechen natürlich mit ein wenig Akzent, haben leichte Probleme, was die Grammatik anlangt. Aber ansonsten geht es nicht um die Sprache, sondern um die Einstellung: Je nachdem, ob sie vorwärtskommen wollen oder ob sie es eher schleifen lassen.“
Schülerinnen: „Jeder ist ein Mensch“
Direktor Schellnegger hat eine klare Ansicht: „Bildung als politisches Kampfthema zu sehen, wäre ein fataler Fehler! Für uns ist es wichtig, ruhig zu arbeiten.“ Der Hintergrund: Zwei Freundinnen an der MS Mürzzuschlag, Joana und Selin, haben zu Hause einen Artikel entdeckt, der von einer „Schule ohne Kinder“ sprach. Dort ist zu lesen, dass „der Migrationshintergrund in der Mürzer Mittelschule rund 50 Prozent beträgt und Integration hier nicht mehr möglich ist“.
Selin erzählt: „Dann sind wir auf die Idee gekommen, wir könnten einen Brief zurückschreiben: Dass jeder ein Mensch ist und man nicht jemanden wegen seiner Kultur oder Religion runtermachen soll, weil er kann sich die Kultur nicht aussuchen. Viele Kinder mit Migrationshintergrund haben einen österreichischen Pass und die Staatsbürgerschaft. Wir verstehen uns alle, lachen zusammen und haben Spaß.“
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