Mit dem zweiteiligen Ballettabend „Follia!“ gelingt der Oper Graz erneut ein großes Tanzereignis. Das Choreografie-Duo Iratxe Ansa und Igor Bacovich sowie die Choreografin Maura Morales führen die Tanzcompagnie der Oper zu absolutem Spitzenniveau. Das Resultat ist ein Muss für alle Tanz-Fans.
Wir schreiben das Jahr 1518. In Straßburg beginnt an einem Julitag eine Frau zu tanzen – und hört wochenlang nicht auf. Hunderte Menschen schließen sich ihr an. Es herrscht „Tanzwut“ – ist es Wahnsinn, Ekstase oder eine Revolution? Diese historische Episode nimmt der zweiteilige Ballettabend „Follia!“ an der Oper Graz als Ausgangspunkt für eine Auslotung der wahnsinnigen Kraft des Tanzes.
Ein unsichtbares Netz
Als unsichtbares Netz zwischen den Tänzern interpretiert das Choreografie-Duo Iratxe Ansa und Igor Bacovich diese Kraft in „Broken Lines“, dem ersten Teil des Abends. Dieses Netz der gemeinsamen Bewegung gibt einerseits Halt und Sicherheit, ist andererseits aber auch eine Fessel, die kaum Individualität zulässt. Dieses Spannungsfeld zwischen dem Aufgehen in einer Masse und der Sehnsucht nach Selbstbestimmung beschwören Ansa und Bacovich in ihrer Choreografie herauf: Kraftvolle Gruppenszenen, kämpferische Duette und introspektive Soli fließen ineinander.
Der dramaturgische Bogen scheint dabei stets so straff gespannt, dass er jederzeit zu reißen droht. Dieses Gefühl wird von der Musik von Bryce Dessner (bekannt als Mitglied der US-Band The National) unterstützt, der mit dem Kronos Quartet die klanglichen Möglichkeiten von Streichermusik ausgereizt hat. Diese zwischen beißender Rauheit und zarter Stille changierende Klangwelt füllt das grandios agierende Ensemble mit einem beeindruckenden Mix aus Ekstase und Verzweiflung.
Das Korsett sprengen
Ähnlich intensiv geht es nach der Pause weiter: Mit „La Folia“ beleben Choreografin Maura Morales und Komponist Michio Woirgardt einen ausgelassenen portugiesischen Volkstanz des 15. Jahrhunderts wieder, der in der Barockzeit in ein höfisches Korsett gepresst wurde. Doch Morales und Woirgardt sprengen dieses choreografische und musikalische Korsett mit Gusto, dekonstruieren es und setzen es immer neu zusammen. So schaffen sie Raum für authentische Gefühle und die ursprüngliche Wildheit des Genres.
Athletischer und mit mehr Hang zur Pantomime ist Morales’ Choreografie im Vergleich zu „Broken Lines“ – aber nicht einen Funken schwächer. Woirgardt denkt in seiner Musik die barocken Strukturen immer wieder neu – bis er beim Industrial-Rock landet. Ähnlich wie Ansa/Bacovich verzichtet auch Morales auf ein üppiges Bühnenbild und setzt stattdessen auf eine eindrucksvolle Architektur aus Licht und Nebel. Und wie schon im ersten Teil beweist das Tanzensemble auch in „La Folia“ seine aktuelle Topform.
Nach „Sacre!“ im Herbst liefert das Ballett der Oper Graz mit „Follia!“ die zweite Produktion auf absolutem Spitzenniveau: Famose Tänzer, starke Choreografien, exquisite Musikauswahl und eine fesselnde Bildsprache – besser geht es eigentlich nicht. Das Premierenpublikum dankte mit minutenlangen Standing Ovations und Jubel. Ein Muss für alle Tanz-Fans!
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