Extrem komplex

Krieg am Bildschirm: Bohemias “Arma 3” im Test

Spiele
24.09.2013 15:27
Mit "Arma 3" hat Bohemia Interactive den neuesten Teil seines Open-World-Kriegsspektakels veröffentlicht. Auf zwei gigantischen frei begehbaren Mittelmeerinseln zieht der Spieler entweder für die NATO oder einen fiktiven arabischen Staatenbund unter iranischer Führung ins Feld – und zwar zu Fuß, motorisiert oder in der Luft. Wie sich die extrem umfangreiche Kriegssimulation spielt und ob sie auch langfristig zu fesseln vermag, erfahren Sie im krone.at-Test.

Für die Recherchen zu "Arma 3" haben die Entwickler von Bohemia Interactive einiges in Kauf genommen, zwei von ihnen gingen sogar hinter Gitter. Ivan Buchta und Martin Pezlar waren für "Arma 3" eigens nach Griechenland gereist, um sich einen Eindruck zu verschaffen, wie Mittelmeerinseln und dortige Militärbasen eigentlich aussehen.

Ihr Pech: Das griechische Militär fühlte sich ganz und gar nicht geschmeichelt, als die beiden Spieleentwickler ohne Erlaubnis eine Anlage auf der Insel Limnos fotografierten (siehe Infobox). Buchta und Pezlar wurde Spionage vorgeworfen, 20 Jahre Haft drohten. Erst nach fast 130 Tagen kamen sie aus der griechischen Untersuchungshaft frei und durften zurück nach Tschechien.

"Arma 3" wird noch ohne Kampagne verkauft
Ob sich der Einsatz der beiden Entwickler gelohnt hat, dürfen Spieler ab sofort im fertigen "Arma 3" erfahren. Nach einer dreimonatigen Betaphase ist das Spiel seit kurzer Zeit endlich als Box-Version erhältlich. Fertig ist es deswegen allerdings nicht: Wie wir beim ersten Anspielen feststellen mussten, fehlt der Verkaufsversion von "Arma 3" eine Einzelspielerkampagne.

Die soll in Form dreier Downloads nachgereicht werden, versprechen die Entwickler. Warum man sich angesichts der noch unfertigen Kampagne dazu entschieden hat, das Spiel schon zu veröffentlichen, vermögen wir nicht zu beantworten. Wir halten es aber zumindest für wahrscheinlich, dass Bohemia Interactive das Game vier Jahre nach dem Vorgänger "Arma 2" einfach schnell auf den Markt bringen wollte.

Unweigerlich stellt sich da die Frage: Hat es denn geschadet? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. Wer Wert auf ein ausgedehntes Einzelspieler-Erlebnis legt, wird mit "Ja" antworten, wer die spektakulären Mehrspielergefechte ohnedies kaum mehr erwarten konnte, wird sich an der noch fehlenden Kampagne nicht stören. Für unseren Test bedeutet die fehlende Kampagne aber einen Minuspunkt – unfertige Produkte auf den Markt zu bringen, gehört sich unserer Ansicht nach nicht.

Enorme Vielfalt macht es Einsteigern schwer
Da wir zur noch nicht vorhandenen Story nichts sagen können, wollen wir uns dafür das Gameplay umso genauer ansehen. Das lernt der Spieler entweder in ausgedehnten Mehrspielergefechten oder – und für Einsteiger ist das die frustfreiere Variante – in den Demo-Missionen, die der Verkaufsversion beiliegen. Die bereiten nicht nur auf den Mehrspielerteil, sondern auch auf die kommende Einzelspielerkampagne vor. Und das ist bitter nötig.

Die enorme Vielfalt, die "Arma 3" dem Spieler bietet, droht ihn nämlich gerade zu Spielbeginn regelrecht zu erschlagen. Schon als Fußsoldat gilt es, klug aus den 40 verfügbaren Schießprügeln zu wählen und die richtige Entscheidung im richtigen Moment zu treffen. Beim Stürmen von feindlich kontrollierten Dörfern oder Zerstören feindlicher Infrastruktur gilt es, behutsam vorzugehen. Für Freizeit-Rambos ist "Arma 3" nichts. Tatsächlich kommt es den in anderen Spielen verhassten "Campern" sehr entgegen, die sich gerne auf die Lauer legen und die Feinde nach und nach aus sicherer Distanz ausschalten.

Reichlich Fahrzeuge sorgen für Motivation
Wer nicht als einfacher Fußsoldat über die insgesamt über 290 Quadratkilometer großen Inseln Altis und Stratis marschieren – oder sie als Kampftaucher umschwimmen - will, dem bietet "Arma 3" ein beeindruckendes Arsenal an mehr als 20 fiktiven Fahrzeugen und Fluggeräten, die auf echtem Kriegsgerät basieren. Truppentransporter, Panzer, Kampfhubschrauber und unbemannte Drohnen – in der Spielwelt von "Arma 3" gibt's kaum etwa, das der Spieler nicht steuern dürfte. 

Weil sich die Fahrzeuge dabei ansatzweise realitätsnah steuern, ist es gar nicht so einfach, mit Kampfhubschraubern spektakuläre Manöver zu fliegen oder mit Panzern zielsicher zu treffen. Wohl dem, der vor dem ersten Mehrspielerscharmützel Flugstunden in einer der Demo-Missionen genommen hat.

Realismus kann zu Frust führen, muss aber nicht
Alles in allem spielt sich "Arma 3" mit seiner frei begehbaren Landschaft und der Unmenge an Kriegsgerät sehr ähnlich wie schon "Arma 2" und "Operation Flashpoint". Gefechte werden unter Büschen liegend über große Distanzen ausgetragen, weil oft schon ein einzelner Treffer des Gegners tödlich ist. Fahrzeuge werden behutsam gesteuert, weil etwa beim Helikopterflug schon kleine Flugfehler einen unrühmlichen Absturz provozieren können.

Das kann zu Frustmomenten führen, muss es aber nicht. Wer sich auf das Spielerlebnis einlässt, wird mit einem dichteren Kriegserlebnis belohnt, als es Bombast-Produktionen à la "Battlefield" und "Call of Duty" je schaffen können. 

Wer als Fußsoldat auf sich gestellt durch die Weiten von Altis und Stratis marschiert, immer auf der Hut durch Wälder kriecht und unentdeckt feindliche Lager auskundschaftet, bevor er zuschlägt, wird irgendwann das beklemmende Gefühl haben, dem Gegner ausgeliefert zu sein, und umso vorsichtiger vorgehen, statt sich den Weg freizuballern.

Grafikfeuerwerk auf starken Rechnern
Dass auch solche vermeintlich stillen Momente nicht langweilig werden, liegt an der spektakulären Grafik, die "Arma 3" bietet. Zumindest auf Hochleistungsrechnern, schwächere Maschinen stemmen die Kriegssimulation nur mit reduzierter Auflösung. 

Stimmt aber die Hardware, zündet "Arma 3" trotz riesiger offener Spielwelt ein Grafikfeuerwerk – mit detaillierter Vegetation, sehr hübschen Lichteffekten und hochauflösenden Texturen. Das ist umso beeindruckender, weil man die Spielwelt ohne eine einzige Ladepause durchqueren kann.

Am Sound gibt es ebenso wenig zu mäkeln wie an der Optik. Die Spielwelt bietet hübsche Umgebungsgeräusche und auch die vielen verschiedenen Fahrzeuge und Waffen sind gut vertont. Etwas nervig, dafür aber realistisch: Die Spielfigur schnappt nach längeren Sprints durch die Spielwelt lautstark nach Luft und lässt sich so auch ihre Anspannung anmerken. Die Sprachausgabe beschränkt sich weitgehend auf gut gemachte Funksprüche, ausufernde Dialoge bietet "Arma 3" aber nicht.

Spannender, aber unzugänglicher Multiplayer
Der Mehrspielermodus von "Arma 3" ist als forderndes Kriegsspiel für Erwachsene zu verstehen. Teils an die hundert Spieler tummeln sich auf den großen Karten und erledigen entweder von der Community mithilfe des beiliegenden Editors erstellte Aufträge oder kämpfen im Team gegeneinander. Dabei sind insbesondere die in der Spielwelt verteilten Fahrzeuge heiß begehrt, ist man darin doch relativ gut vor Fußtruppen geschützt. 

Die oft sehr großen Distanzen, über die Gefechte in "Arma 3" ausgetragen werden, machen es ungeübten Spielern allerdings schwer, mit den Profis mitzuhalten. Häufig zoomt man aus sicherer Entfernung mit dem Fernrohr heran, um Gegner schon von Weitem auszuschalten. Weil das jeder so macht, zielt man oft auf wirklich winzige Ziele. Da einen Treffer zu landen, ist nicht gerade einfach. Aber auch hier gilt: Diese Art zu kämpfen gehört in einer realistischen Kriegssimulation dazu.

Ein Mehrspieler-Manko bleibt: Einen passenden Server zu finden ist ausgesprochen mühsam. Nicht nur, weil die Latenzzeiten im Test in den wenigsten Fällen ein wirklich flüssiges Spielerlebnis erlaubten, sondern auch, weil die einzelnen Mehrspielerpartien nur spärlich beschrieben sind. Oft handelt es sich bei Online-Spielen zudem um von der Community erstellte Einsätze, die erst heruntergeladen werden müssen und auf denen sich der Spieler anfangs schlicht nicht auskennt. Etwas mehr Übersicht wäre hier schön gewesen.

Fazit: Bis auf die noch fehlende Kampagne hinterlässt "Arma 3" einen recht guten Eindruck bei uns. Mit einer gigantischen, frei begehbaren Spielwelt, die weitgehend ohne Bugs auskommt, und einem reichhaltigen Fundus an Fahrzeugen und Waffen bietet "Arma 3" viel Abwechslung. Die angesichts der Größe der Spielwelt beeindruckende Optik gefallen ebenso wie der stimmige Sound und das beklemmende Mittendrin-Gefühl, das "Arma 3" wohltuend vomwäre eine noch bessere Wertung drin gewesen. 

Plattform: PC
Publisher: Peter Games
krone.at-Wertung: 7/10

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Loading
Kommentare

Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.

Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.

Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.

(Bild: KMM)
(Bild: krone.at)
(Bild: krone.at)
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt