Biathlon-Boss Sumann

„Das gibt‘s nicht mehr – dafür werde ich sorgen“

Ski Nordisch
03.04.2025 19:16

Mit Christoph Sumann im Amt des Sportlichen Leiters soll es für Österreichs Biathlon-Team wieder hoch hinausgehen. Bei seiner Präsentation ist das schon einmal gelungen. ÖSV-Boss Mario Stecher stellte den 49-jährigen Steirer im „Bergisel Sky“ in Innsbruck vor. Dabei sprach der neue starke Mann im Lager der Biathleten im „Krone“-Interview über seine Ziele und Probleme, die er lösen muss.

„Krone“: Seit wann weißt du, dass du die Agenden des Biathlon-Sportdirektors übernimmst?
Christoph Sumann: Seit dieser Woche. Das war sehr kurzfristig.

Man hört, du warst schon länger heiß auf den Posten des Sportdirektors?
Das ist der falsche Ausdruck. Ich hatte vor eineinhalb Jahren mal ein Gespräch mit Christian Scherer. Dabei habe ich mein Interesse bekundet und gesagt, mir vorstellen zu können, wieder was für den Skiverband zu tun. Dann kam Mario an Bord, den ich schon lange kenne. Wir sprechen die gleiche Sprache und haben uns immer wieder mal ausgetauscht. Und jetzt ging es relativ schnell, damit war nicht zu rechnen. Ich konnte mich aber gut damit anfreunden (lacht). Biathlon ist meine Sportart, das war so und das wird auch so bleiben. Ich habe die Rennen ja auch verfolgt, wenn ich nicht im ORF als Experte im Einsatz war, und habe immer versucht, nah an der Mannschaft zu sein.

Wo siehst du künftig deinen Lebensmittelpunkt?
Das bleibt ganz klar Frojach in der Steiermark.

Du wirst aber vermutlich mehr Kilometer abspulen als zuletzt?
Ich bin bisher schon gefahren wie Max Verstappen (lacht). Ich fahre in etwa 50.000 Kilometer pro Jahr, bin ja viel nach Oberösterreich gependelt. Der Biathlon-Nabel bleibt aber in Hochfilzen. Ich bin es gewohnt, viel zu fahren, das stört mich nicht. Ich würde nur gerne daheim schlafen, aber das ist dann mein Problem. Grundsätzlich will ich aber so oft wie möglich dabei sein, um mir einen Eindruck von allen Teams und Kadern zu verschaffen. Man wird mich bei den Kursen sehen – ob das die Kleinen sind oder die Stars.

Wie sieht dein Konzept als Sportdirektor aus?
Das ist gerade im Entstehen. Ich weiß ja erst seit drei Tagen, dass ich den Job bekomme.

Es hätte ja sein können, dass du es Mario Stecher schon präsentiert hast, um den Job zu bekommen?
Es sind viele Aufgaben, die jetzt anstehen. Olympia kommt sehr früh, ist aber extrem wichtig für uns. Ich muss aber auch darüber hinausdenken. An die Heim-WM 2028, aber auch die nächsten Spiele 2030. Da werden dann andere Sportler dabei sein als im kommenden Jahr. Da geht’s darum, wie lange ich mit den arrivierten Sportlern planen kann. Wie lange habe ich Simon Eder und Lisa Hauser noch? Wie baue ich die Mannschaften auf? Wer wird dabei sein? Gibt es Junge, die man schon mitnimmt, die vielleicht eine Stufe überspringen? Die Analysen stehen in der nächsten Woche an, am 1. Mai ist Trainingsstart. Gefühlt wechselst du von den Skiern auf die kurze Radlerhose. Es ist klar, dass in vielen anderen Mannschaften nicht viel passieren wird, bei uns ist die Situation anders.

Du triffst auf ehemalige Teamkollegen, Weggefährten und Trainer. Ab sofort bist du ihr Chef. Ist das schwierig für dich oder ein Startvorteil, weil du viele Leute sehr gut kennst?
Ich lege schon Wert auf das Sie, ich bin der Herr Sumann (lacht). Nein, ich werde sicher nicht den Chef raushängen lassen.

Top-Personal ist derzeit schwer zu finden, weil die meisten Kapazunder längst wieder oder noch immer unter Vertrag stehen. Heißt das, dass eine Übergangslösung als Cheftrainer wahrscheinlich ist?
Das wäre möglich. Ich habe noch keine Lösung im Kopf, weil ich noch einige Gespräche führen möchte.

Die Suche nach einem neuen Cheftrainer pressiert. Wie sieht dein Anforderungsprofil aus?
Der Markt ist klein, es wird keine Wunder geben. In der aktuellen Situation treibt es auch keinen Spitzenmann nach Österreich, so ehrlich muss man sein. Abgesehen davon ist derzeit keiner frei.

Ludwig Gredler wird gehandelt. Ist er für dich eine Option?
Er ist schon so lange dabei, ich weiß, dass er das Vertrauen der Sportler genießt. Er war ja schon mein Mannschaftskollege und hat mich nach meinem Umstieg vom Langlauf extrem gut aufgenommen. Das schätze ich an ihm, er ist auch ein absoluter Teamplayer. Er ist nicht laut, aber ein Arbeiter. Luggi hatte in der Vergangenheit nie den Zug, Verantwortung zu übernehmen. Aber er könnte jetzt die Lösung sein.

Welches Gewicht hat bei der Suche die Menschenführung?
Die ist mir ganz, ganz wichtig. Ich will keinen Dompteur oder einen Patriarchen mit harter Hand, auch wenn er ein Kapazunder und fachlich top ist, wenn ich am Abend nicht auf ein Bier mit ihm gehen kann. Wir haben jetzt ein starkes Altersgefälle im Herren-Team. Ich muss etwa mit Simon reden, wie lange es noch weiter geht, ob er die Olympia-Saison noch mitnimmt.

Wie sehr hoffst du darauf? Er war letzte Saison einmal mehr Österreichs bester Athlet im Gesamtweltcup.
Natürlich hoffe ich darauf, wir brauchen ihn als Galionsfigur. Auch wenn es „nur“ Platz 36 im Weltcup war, war er der Beste und ein wichtiger Part in der Staffel. Noch ist Simon für uns nicht zu ersetzen.

Nach elf Jahren Pause zurück im Skiverband: Christoph Sumann. (Bild: APA/EXPA)
Nach elf Jahren Pause zurück im Skiverband: Christoph Sumann.

Er ist nicht nur sportlich enorm wichtig, sondern auch als Leader, der anderen mit Rat und Tat zur Seite steht.
Hoffentlich bleibt das so, denn er spielt eine ganz wichtige Rolle. Er wird nicht am meisten trainieren, weiß aber genau, was er zu tun hat. Das hat er für sich perfektioniert. Er kommt immer wieder mit etwas Neuem. In diesem Alter noch so fanatisch zu sein, ist beeindruckend. Er kann viel weitergeben. Ich habe ihm mal gesagt, er kann sonst nichts anderes (lacht). Im Ernst: Er lebt für den Sport! Er hat sich sein Standing hart erarbeitet, am Schießplatz können ihm immer noch nur ganz wenige was vormachen. Er weiß einfach, was er zu tun hat. Simon ist ein Positiv-Verrückter, den ich brauche. Von ihm können sich andere eine Scheibe abschneiden.

In der vergangenen Saison gab es Probleme auf dem Materialsektor. Mit Jahresbeginn kamen zwei neue Akteure hinzu, danach ging es bergauf. In manchen Rennen war man richtig gut dabei, jene, in denen man weit weg war von der Konkurrenz, wurden weniger. Muss dennoch weiter nachgebessert werden, um die Lücke zu schließen?
An diesem Problem wird gearbeitet. Ich werde das weiter forcieren, denn ich war ja selbst oft in dieser Saison. Auch zu meiner Zeit hat es schon Saisonen oder Bedingungen gegeben, wo wir schon beim Aussteigen aus dem Flieger wussten: Verdammt, das wird hart! Das Wachsen ist mittlerweile eine Wissenschaft.

Auf Athletenseite ist der Wunsch nach Verstärkung groß. In der Vergangenheit war die Kommunikation zwischen Athleten, Betreuern und Serviceleuten schwierig. Die Fronten waren extrem verhärtet.
Das wird es in Zukunft nicht mehr geben, dafür werde ich sorgen. Zuerst gehört ohnehin alles intern gelöst. Serviceleute haben Athleten bezüglich Leistungen nicht zu kritisieren. Umgekehrt müssen die Sportler aber auch vorsichtig sein damit, den Ski zu kritisieren, bevor man in die Wachskabine geht. Wenn das Ergebnis nicht stimmt, darf nicht der Ski die erste Ausrede sein. Man muss auch immer auf die eigene Leistung schauen. Wir sind eine Mannschaft, da muss man auch Dinge ansprechen dürfen, da gilt es auch, Kritik anzunehmen. Wir hatten ein Kommunikationsproblem. Bei uns gibt es nicht den Athleten-, den Service- und den Betreuerpart. Bei uns gibt es einen Part. Bei uns wird das wieder so (fügt seine beiden Hände eng zusammen). Es steht ganz oben auf meiner Agenda, wieder Einigkeit herzustellen. Im Übrigen hat jedes Team Bedingungen, bei denen es nicht so gut ist.

Mario Stecher ist wichtig, dass Neuzugänge deutschsprachig ist. Wie wichtig wäre es dennoch, Leute aus Topnationen wie Norwegen, Schweden oder Frankreich zu verpflichten? Die vergangenen Jahre zeigten ja, dass diese mehr Knowhow haben.
Das ist schwer zu beantworten. Du musst auch immer fragen, warum jemand eine Mannschaft verlässt. Das kann auch an zwischenmenschlichen Problemen liegen. Es hilft mir ja nicht, wenn ich jemand Externen hole, wenn ich selbst was aufbauen möchte.

Vielleicht funktioniert es dadurch sogar schneller?
Vielleicht geht es zum Einlernen mit einem, der mir einen neuen Servicechef anlernt, damit er es dann selbst übernehmen kann. Ja, vielleicht ist so etwas eine Möglichkeit.

Du hast ein Naheverhältnis zu Anna Gandler. Könnte das ein Problem innerhalb der Mannschaft werden?
Nein! Sie ist Profi, ich bin Profi! Bei meinen Entscheidungen wird mich das zu hundert Prozent nicht beeinflussen. Außerdem hat sie mit ihrem Papa einen guten Mann mit viel Erfahrung. Sie ist in guten Händen.

Wie geht es Anna derzeit?
Es ist ein Auf und Ab. Die Sportpause tut ihr jetzt sicher gut, einmal in den Süden reisen, um abzuschalten. Das Potenzial hat sie, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Sie muss es aber wieder abrufen können. Wir alle werden ihr helfen.

Wie planst du mit der Damengruppe, die zuletzt deutlich größer wurde, womit nicht alle glücklich waren?
Kleine Gruppe heißt, dass man weniger Personal hat, sich individuell aber besser auf jede Einzelne konzentrieren kann. Große Gruppe heißt, dass ich mehr Personal habe, man die Arbeit aber aufteilen muss. Alles hat Vor- und Nachteile. Wir werden uns anschauen, welche Qualifikationskriterien erfüllt wurden, und werden dann entscheiden.

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Jetzt wird analysiert, dann muss die Kadereinteilung vernünftig zusammengestellt werden. Und dann muss ich Leute hinsetzen und sagen, wer welchen Kader trainiert. Danach wird das Service ein Thema. Das muss aber nicht in drei Tagen gelöst werden, wir haben ja jetzt eh Pause. Wichtig ist, dass die Leute wissen, wo sie am 1. Mai sind und was sie dort machen.

Christoph SUMANN

Wie siehst du die Herren für die Zukunft, speziell für die WM 2028, aufgestellt? Wen hast du im Auge?
Da werden Leute dabei sein, die jetzt noch niemand am Schirm hat.

Talente wie Matthäus Schönaigner oder Thomas Marchl?
Zum Beispiel. Wir haben sicher nicht die Masse an Leuten, können uns nicht zurücklehnen wie die Norweger. Dort warten zehn, um einen abzulösen. Diese Luxusprobleme haben wir nicht. Wir müssen genau schauen, wo unsere Talente versteckt sind, wo sie trainieren und ob sie die nötige Grundsubstanz und Basis haben, wenn man sie hochziehen sollte. Der Sprung kann auch zu groß sein, daher müssen wir genau darauf schauen.

Du willst junge Athleten zu einem Simon Eder oder David Komatz hinzuziehen?
Das ist eine Überlegung. Sie müssen halt reinpassen in die Gruppe und das Training aushalten. Natürlich gibt es eine abgespeckte Trainingsversion von einem Komi.

2026 finden die Olympischen Spiele in der Höhe von Antholz statt. Welche Rolle spielen Höhentrainingslager oder das von der norwegischen IBU-Cup-Mannschaft praktizierte Hitzetraining für dich?
Wir werden das andenken. Es ist alles noch so frisch. Es gibt aber so viele Punkte, dass ich versuche, sie alle mal zu streifen.

Was steht ganz oben auf deiner To-do-Liste?
Jetzt wird analysiert, dann muss die Kadereinteilung vernünftig zusammengestellt werden. Und dann muss ich Leute hinsetzen und sagen, wer welchen Kader trainiert. Danach wird das Service ein Thema. Das muss aber nicht in drei Tagen gelöst werden, wir haben ja jetzt eh Pause. Wichtig ist, dass die Leute wissen, wo sie am 1. Mai sind und was sie dort machen.

Welche Ziele verfolgst du grundsätzlich für die erste Saison?
Ein Hauptziel ist, bei den Herren den fünften Startplatz zurückzuholen. Aber nicht gerade so als Zehnter oder Neunter, sondern klar und deutlich. Da darf es die ganze Saison über kein Thema geben. Insgesamt braucht es einen klaren Schritt nach vorne, da reden wir von Top-15-Platzierungen, die wir aus eigener Kraft holen. Es braucht dafür aber die läuferische Komponente, ohne sie geht es nicht. Wenn es hart auf hart geht, bevorzuge ich den schnellen Läufer gegenüber dem schnellen Schützen. Bei den Damen? Warum sollten wir nicht um eine Medaille kämpfen können? Wichtig ist, dass wir Anwärter dafür sind. Das heißt, dass die Fitness passt, das Material gut ist und auch die Tagesverfassung mitspielt. Dort sehe ich Lisa Hauser. In der Staffel hat man bei der WM in der Lenzerheide (Platz vier, Anm.) gesehen, was möglich ist.

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(Bild: KMM)
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